Mein Fußball-Woche

09.06.2012

Austria trotzt den Roten Bullen

Salzburgs violett-weiße Fußball-Tradition hat die Machtübernahme des Brausekonzerns überlebt - Leidenschaftliche Fankultur.

Geld ist notwendig, um den Kreislauf des täglichen Lebens am Laufen zu halten. Ist allerdings zuviel davon im Spiel, können die Dinge auch in eine negative Richtung abdriften. Vor diesem Schicksal ist auch der Fußballsport nicht gefeit. Die Folgen des Bosman-Urteils, die Diskussion um immer mehr Fernsehgelder oder auch die fröhlich vor sich hinsprudelnde Geldmaschine „Champions League“ sprechen eine deutliche Sprache. Im Wirtschaftszweig „Fußball“ wird munter ausgegeben, was der Geldbeutel hergibt und gerne auch noch etwas mehr. Dabei kommt man mitunter in Gefilde, die nicht mehr angemessen sind. Ein besonderes Kapitel zum Thema „Fußball und Kommerz“ wurde Anfang dieses Jahrtausends in Salzburg geschrieben. Es ist die Geschichte eines Brause-Milliardärs, der einen klammen Fußball-Klub vor seinen Limonaden-Karren spannte, um damit österreichische Fußballgeschichte zu schreiben.

Die Sportvereinigung Austria Salzburg wurde am 13. September 1933 im Hotel „Schwarzes Rössl“ durch die Fusion der beiden Salzburger Vereine FC Hertha und FC Rapid gegründet. Ziel dieser Fusion war es, neben dem Salzburger AK 1914 einen zweiten konkurrenzfähigen Salzburger Klub zu schaffen, der in der künftigen Liga Oberösterreich-Salzburg starten sollte. Am Ende überdauerte die Liga nur zwei Jahre und zerfiel anschließend wieder in die beiden Landesligen, aus denen sie hervorgegangen war. Die Vereinsfarben des neuen Salzburger Klubs waren Violett-Weiß. Seine erste Heimat fand der Verein auf dem Rapid-Platz in Lehen. Dieser war von den Spielern selbst errichtet worden. Den ersten, wenn auch nur regionalen Titel holte der Klub 1937: Austria Salzburg wurde Landespokalsieger.

Blütezeit in den 90er Jahren

Ihre beste Zeit hatte die Sportvereinigung Austria Salzburg in den 90er Jahren: Österreichischer Meister, österreichischer Pokalsieger und auch im UEFA-Cup sorgten die Mozartstädter für Schlagzeilen. Über Fußball-Salzburg schien die Sonne.

Um diese Erfolge überhaupt feiern zu können, bedurfte es allerdings eines feinen Tricks. In der Saison 1988/89 schien die damals zweitklassige Austria schon so weit abgeschlagen, dass sie die entscheidenden Play-Offs nicht mehr aus eigener Kraft erreichen konnte. Der Fußballgott muss aber Salzburger sein, anders kann man das, was dann passierte, nicht mehr erklären: Das Spiel der Salzburger fiel aus und wurde verschoben. Gleichzeitig verlor die Konkurrenz unerwartet Punkte. Klubchef Quehenberger verpflichtete in einer Nacht- und Nebelaktion „Goleador“ Hans Krankl, der eigentlich kurz zuvor seine Karriere beendet hatte. Am Morgen des Spiels sagte Krankl zu, fuhr mal eben mit seinem Auto von Wien nach Salzburg und mit der ersten Ballberührung schoss er die Salzburger gleich in Führung. Was für ein Auftritt! Am Ende wurde alles gut und die Mozartstädter schaffen den Aufstieg in die 1. Liga.

Von nun führt der Weg der Violett-Weißen steil nach oben. Die Saison 1993/94 wird die erfolgreichste Saison aller Zeiten: Im UEFA-Cup narren die Österreicher Eintracht Frankfurt und den Karlsruher SC und werden erst im Finale von Inter Mailand gestoppt. In Österreich erringen die Salzburger erstmals die Meisterschaft und den Pokalsieg gleich dazu. In der folgenden Spielzeit kann das Team den Titel verteidigen, knickt aber in der Saison 95/96 ein und erreicht nicht einmal den UI-Cup. Die Spielzeit 1996/97 sieht Casino Salzburg noch einmal auf dem österreichischen Meistertreppchen, dann folgt der Absturz, der den Verein einige Jahre später in große Schwierigkeiten führen wird. Das Problem: Der Klub hat reichlich Schulden angehäuft und nun wird es für die Violett-Weißen sehr eng.

Ohne Moos wenig los

Österreichern sagt man im Gegensatz zu uns Deutschen ja eine gewisse Lässigkeit im Umgang mit dem täglichen Leben nach. Beharrt man hierzulande auf Richtlinien, nur damit den Vorschriften Genüge getan ist, agiert man jenseits der Grenzen weit lockerer. Dies betrifft auch das Thema „Fußball und Kommerz“. Recht schnell hat man in Österreich begriffen, dass Trikots, Stutzen, Hosen und auch Vereinsnamen sprudelnde Einnahmequellen sein können, die dringend benötigtes Geld in oftmals klamme Vereinskassen zu spielen vermögen – und man handelte entsprechend.

Der Bogen der Sponsoren, die die Austria bis ins Jahr 2005 in ihrem Vereinsnamen bewarb, überspannt eine Supermarktkette („Gerngroß“), eine Bank („Sparkasse“), eine Spielbank („Casino“) und eine Bausparkasse („Wüstenrot“). Als schließlich der Getränkefabrikant „Red Bull“ an die Salzburger Tür klopfte und finanzielle Hilfe in Aussicht stellte, war die Freude groß. Kurze Zeit später sollte jedoch nichts mehr so sein, wie es einmal war.

Der Einstieg der Roten Bullen

Um die Jahrtausendwende wurde die Salzburg Sport AG gegründet. Mit ihrer Hilfe wollte man der massiven Schuldenlast Herr werden: Ein Industrieller kauft die Salzburger Schulden, gleichzeitig werden diverse Personen in Positionen gehievt und der Verein wechselt im Grunde den Besitzer. Diese Konstellation soll später noch eine entscheidende Rolle spielen.

Sportlich lief es für die Salzburger zu Beginn des neuen Jahrtausends eher durchwachsen. Auch ein großer Name, Welt- und Europameister Thomas Häßler, trug zwischendurch das Salzburger Trikot, konnte aber keinen fußballerischen Glanz in die Stadt bringen.

Im Frühjahr 2005 ging es an der Salzach dann rund. Die Red Bull GmbH übernahm die Salzburg Sport AG zu 100%. Gleichzeitig ließen sich die „Roten Bullen“ das Sonderrecht in den Statuten festschreiben, dass Red Bull das alleinige Bestellungs- und Abberufungsrecht des Vorstandes hat. Der Konzern musste dazu nur ordentliches Vereinsmitglied sein. Damit umging man die österreichischen Statuten, die forderten, dass der Verein als Lizenznehmer bei der österreichischen Bundesliga für den Spielbetrieb verantwortlich ist.

Alexander Hütter, bei der inzwischen neu gegründeten Austria für Presse- und Fanarbeit zuständig, erinnert sich: „Ursprünglich hatte man sich in Salzburg auf den neuen Investor gefreut. Verbunden mit seinem Kommen war die Hoffnung auf eine neue sportliche und wirtschaftliche Perspektive für den Verein“. Was dann kam, ernüchterte auch die kühnsten Optimisten. Der Konzern zog seine Linie gnadenlos durch. Doppelzüngig stellte man den Fans in Aussicht, ihre Belange bezüglich der Vereinsfarben zu berücksichtigen. Das Ende vom Lied: Zuhause spielte Red Bull in Rot-Weiß, auswärts in Blau. „Das war eine Ohrfeige für die Fans“, rekapituliert Alex Hütter die Vorgänge von damals. Das Zugeständnis an Fans und alte Vereinsfarben: Die Torleute sollten in violetten Stutzen spielen, darüber hinaus sollten auch die Kapitänsbinde und das Logo des Sportartikelherstellers in Violett sein. Ein schlichtweg inakzeptables Angebot.

Konflikt um die Lizenz

Wessen Geistes Kind die neuen Herren waren, macht wohl am besten deutlich, wie man zur Vereinsgeschichte der Austria stand. Im Prinzip betrachtete man sich als komplett neuen Klub, den FC Red Bull Salzburg, gegründet 2005. Die Zeit von 1933 bis 2005 interessierte nicht. Mit dieser Haltung kam der Verein allerdings bei der österreichischen Bundesliga nicht durch. Für die Lizenzgeber stellte sich die Sache einfach dar: keine Vergangenheit, keine Bundesliga-Lizenz. Und so knickte die Klubführung notgedrungen ein, bekannte sich zähneknirschend zur Austria-Historie samt Gründungsjahr 1933.

Neubeginn ganz unten

Nachdem die Fronten derart verhärtet waren, kam es, wie es denn kommen musste. Alle, die Violett-Weißes-Blut in ihren Adern hatten, packten ihre Sachen und gründeten einen neuen Verein: SV Austria Salzburg. Eine solche Neugründung hat allerdings auch den unangenehmen Nebeneffekt, dass man sportlich in der untersten Klasse wieder anfangen muss. Eine Chance, diesem Schicksal zu entrinnen, sah der neu gegründete Verein, in dem man zunächst mit der Fußballabteilung des PSV/SW Salzburg kooperierte. Leider stimmte die Chemie zwischen den beiden Klubs nicht und so fiel am 14. Juni 2006 die Entscheidung, die Geschicke in die eigenen Hände zu nehmen, was bedeutete: Austria Salzburg muss sich von ganz unten wieder nach oben spielen.

Hurra, die Austria kommt...

Des einen Leid, des anderen Freud': War es für den neu gegründeten Klub bitter, in der 2. Klasse (unterste österreichische Liga) einen Neuanfang zu machen, so hatten die Gegner durchaus Grund zur Freude. „Unsere Fans sind sehr reisefreudig“, berichtet Alex Hütter, „die Austria brachte immer reichlich Fans mit zu den Spielen und so war immer gut Stimmung“.

Bei Austria Salzburg weiß man auch, dass sich eine gute Jugendarbeit auf Dauer auszahlen wird. Der Klub ist von der U 7 bis zur U 21 vertreten. Seit 2008 konnte der Austria -Nachwuchs jedes Jahr in mindestens einer Klasse eine Meisterschaft feiern. Aktuell läuft der violette Nachwuchs dem großen Konkurrenten Red Bull immer häufiger den Rang ab, wie Hütter nicht ohne Stolz feststellt.

Die Violett-Weißen lösten in den letzten fünf Jahren ihre Hausaufgaben nahezu immer mit Bravour. Mittlerweile kann man fast schon von einer Erfolgsgeschichte sprechen. Aktuell ist die Austria in der Regionalliga West, der dritthöchsten österreichischen Spielklasse, angekommen. Eine Leistung, die Respekt abnötigt. Das große Ziel ist dicht vor Augen: „Wir wollen mittelfristig in den Profi-Fußball zurück“, sagt Hütter, „und dazu fehlt uns derzeit nur noch der Aufstieg in die 2. Liga“.

Die größten Erfolge

UEFA-Cup Finalist: 1994.

Intertoto Cup-Sieger: 1970, 1971, 1991.

Mitropa Cup-Finalist: 1971.

Österreichischer Meister: 1994, 1995, 1997.

Österreichischer Vizemeister: 1971, 1992, 1993.

Österreichischer Cupfinalist: 1974, 1980, 1981.

Österreichischer Super Cup-Sieger: 1994, 1995, 1997.

Mannschaft des Jahres in Österreich: 1994.

Meister Tauernliga (2. Liga): 1953, 1958, 1959.

Meister Regionalliga West (2. Liga): 1962, 1965, 1967.

Meister 2. Division (2. Liga): 1978, 1989.

Salzburger Landespokalsieger: 1937, 1959.

Berühmte Spieler

Thomas Häßler (Welt- und Europameister, 2003/ 04 in Salzburg)

Oliver Bierhoff (Europameister 1996, 1990/91 in Salzburg)

Peter Grosser (1966 deutscher Meister mit 1860 München, von 1969 bis 1975 in Salzburg)

Franz „Bulle“ Roth (mit Bayern München mehrfach Deutscher Meister, DFB-Pokalsieger und Gewinner EC 1 und EC 2)

Jimmy Hartwig (ehemals HSV, 1986 in Salzburg)

Wolfgang Feiersinger (Champions-League-Sieger mit Borussia Dortmund, 1986 bis 1996 und 2001/02 in Salzburg)

Heimo Pfeifenberger (u.a. bei Werder Bremen, 1987/88, 1992–1996 und 1998–2004 in Salzburg)

Toni Polster (u.a. 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach, 2000 in Salzburg)

Otto Konrad (österreichischer Nationalspieler, 1991–1997 in Salzburg)

Andreas Ibertsberger (derzeit TSG Hoffenheim, 2001–2004 in Salzburg)

Hans Krankl („Goleador“, 1989 in Salzburg)

Hannes Winklbauer (österreichischer Nationalspieler, 1973–1984 in Salzburg)

Heribert Weber (österreichischer Nationalspieler, 1989–1994 in Salzburg)

Edi Glieder (u.a. Schalke 04, 1994/95 in Salzburg)

Ehemalige Trainer der Austria, u.a.: Hans Reich (ehemals 1860 München, 1976 in Salzburg), August „Gustl“ Starek (u.a. 1. FC Nürnberg und Bayern München, 1980/81 in Salzburg), Otto Baric (1991–1995 in Salzburg), Heribert Weber (1996–1998 in Salzburg), Hans Krankl (1998–2000 in Salzburg)

W. Weber

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