Mein Fußball-Woche

14.06.2012

Amateure für alle Zeiten

Der Queen's Park FC, Schottlands ältester Fußballklub, bleibt seinen Prinzipien treu - Heimspiele im großen Hampden Park.

Nichts geht über ein klares Feindbild. Die Fronten sind klar abgesteckt und jeder weiß, wo die Glocken klingen. Was wäre der Fußball ohne seine großen Rivalitäten: Schalke – Dortmund, Celtic – Rangers oder auch, um den Bogen länderübergreifend zu schlagen, Schotten und Engländer.

Hampden Park, Glasgow: Einst das größte Stadion der Welt und Schauplatz großer Fußballschlachten. Besonders Spiele zwischen England und Gastgeber Schottland brachten den Hampden Park zum Kochen. Zu den besten Zeiten fielen hier von über 140.000 fanatischen Zuschauern angetriebene Schotten über die Engländer her und konnten so manchen Treffer setzen. Die intensive und emotionale Kulisse im Hampden Park ging als der berühmte „Hampden Roar“ in die Fußball-Historie ein.

Dieses Stadion war Bühne vieler großer, ja legendärer Begegnungen. Real Madrid gewann hier zweimal den Cup der Landesmeister respektive die Champions League: 1960, in einem der schönsten Endspiele der Geschichte, nach einem 7:3-Sieg gegen Eintracht Frankfurt und 2002 nach einem 2:0 gegen den ewigen Zweiten Bayer Leverkusen. 1966 schlug Borussia Dortmund hier den FC Liverpool und trug sich als erster deutscher Klub in die Siegerlisten des Europapokals der Pokalsieger ein. Zehn Jahre später machte der FC Bayern hier den dritten Triumph im Cup der Landesmeister klar. Die Münchner besiegten St. Etienne durch ein Tor von „Bulle“ Roth mit 1:0. 2007 triumphierte der FC Sevilla im UEFA-Cup-Finale über Espanyol Barcelona – internationaler Glanz und Glamour.

Doch der Hampden Park hat auch noch eine andere, weit weniger glitzernde Seite: Dieses Stadion ist die Heimat von Schottlands ältestem Fußballverein, dem Queen's Park FC.

Keine Bezahlung von Spielern

Am 9. Juli 1867 trug sich im Süden Glasgows Historisches zu. Gegen halb neun trafen sich im Haus No. 3 Eglington Terrace einige Herren, die vorhatten, an jenem Sommerabend einen Fußballklub zu gründen. So kann man es im Sitzungsprotokoll des Queen's Park Football Club nachlesen.

Obwohl in Schottland auch schon vor diesem Zeitpunkt in Public Schools (allerdings nach eigenen Regeln) Fußball gespielt wurde, markiert diese Vereinsgründung einen Wendepunkt in der Entwicklung des schottischen Sports. Mit der Gründung des Queen's Park FC wurde das Fundament des schottischen Fußballs gelegt. Der Verein war verantwortlich für die Aufnahme von Latten an Fußballtoren, Freistößen und Halbzeiten in das Regelwerk.

Darüber hinaus traf der Klub noch eine Entscheidung, die auch heute, fast 150 Jahre später, noch Gültigkeit hat. „Ludere causa Ludendi“ – Spielen um des Spielens willen, so das Vereinsmotto. Kein Spieler sollte je vom Verein bezahlt werden. Das Spiel ist wichtiger als das Geld. Und daran hat sich, laut Queen's Park FC, bis heute nichts geändert.

Pionier des schottischen Fußballs

Beschäftigt man sich heute mit dem Fußball in Schottland, dann geht es meistens um die beiden Glasgower Erzrivalen Celtic und Rangers. Das war nicht immer so. Zu Zeiten, als die beiden heutigen „Branchenriesen“ noch nicht einmal gegründet waren, wurden die Meilensteine von einem anderen Klub gesetzt: vom Stadtrivalen Queen's Park FC.

Die Verdienste dieses Vereins sind groß. Queen's Park brachte den schottischen Fußball zum Laufen. Es begann mit dem Regelwerk und bald schon setzte man die ersten, auch internationalen Duftmarken.

Samstag, 30. November 1872, Glasgow, Hamilton Crescent: Vor 4000 Zuschauern steigt das erste Länderspiel Schottland gegen England. Das Spiel endet 0:0, das schottische Team besteht aus elf Spielern des Queen's Park FC. An diesem Tag läuft das schottische Team in den dunkelblauen Trikots von Queen's Park auf. Die schottische Nationalelf spielt heute noch in dunkelblau, Queen's Park wechselt einige Jahre später zu schwarzen Querstreifen und wird zu den „Hoops“.

Im Finale des englischen FA Cup

Die Schotten wurden auch mehrfach zur Teilnahme am englischen FA Cup eingeladen – und konnten überzeugen. In den Jahren 1884 und 1885 schafften sie es sogar bis ins Finale. Beide Male traf Queen's Park im Londoner Kennington Oval auf die Blackburn Rovers, die allerdings beide Spiele für sich entscheiden konnten. 1884 hieß es vor 12.000 Zuschauern 2:1 für Blackburn, ein Jahr später waren gar 15.000 Zuschauer Zeugen eines 2:0-Sieges der Rovers.

Darüber hinaus war Queen's Park Gründungsmitglied der schottischen FA. Ab 1874 begann der Klub damit, fleißig Titel zu sammeln. Zum Einstand holte man sich dreimal hintereinander den schottischen FA Cup. Im ersten Endspiel 1874 traf man im Hampden Park auf Clydesdale. 2500 Zuschauer sahen den 2:0 Sieg der „Hoops“. Ein Jahr später traf man an gleicher Stelle auf Renton. Queen's Parks 3:0-Sieg verfolgten jetzt schon 7000 Zuschauer. 1876 benötigte man ein Wiederholungsspiel, um den Titel gegen Third Lanark zu verteidigen. Das Hinspiel in Hamilton Crescent verfolgten 6000 Zuschauer: Sie sahen ein 1:1. Beim Rückspiel (Hampden Park, 10.000 Zuschauer) machten die „Hoops“ dann mit einem 2:0 alles klar.

In den Folgejahren spielte Queen's Park ganz oben mit. Der große Einschnitt erfolgte, als Schottlands Fußball professionalisiert wurde.

Festhalten am Amateurstatus

Als der Professionalismus in Schottland Einzug hielt, war man bei Queen's Park nicht bereit, diese Entwicklung mitzumachen. Das führte zunächst dazu, dass man nicht mehr in der Liga dabei war. Da es fortan für den Klub immer schwieriger wurde, Gegner für Spiele zu finden, schloss man sich der Liga wieder an – allerdings als Amateurverein. Aufgrund seines Amateurstatus blieb dem Klub mehrfach ein Abstieg aus der Liga erspart. 1922 stieg Queen's Park dann erstmals in die 2. Liga ab, schaffte aber den sofortigen Wiederaufstieg.

Da man bis heute konstant an seinen Grundsätzen festhält, führte der Weg des Klubs zwangsläufig nach unten. Heute ist man stolzer Viertligist. Zu den Heimspielen im riesigen Stadion kommen in der Regel um die 550 Zuschauer, zu Spitzenspielen auch mal 1200. Die Queen's Park Fans sind als reisefreudig bekannt, so dass Keith MacAllister, der die Fan-Arbeit des Klubs organisiert, immer viel zu tun hat.

Keith MacAllister ist seit seiner Kindheit Queen's Park-Fan. Ein Schulfreund hatte ihn mitgenommen und seither sei er eben „infiziert“. Fragt man ihn, was diesen Klub so besonders macht, so fallen ihm gleich mehrere Antworten ein: „Wir sind Amateure und spielen in einer Profi-Umgebung. Wir haben eine wundervolle Geschichte. Ich bin auch sehr stolz darauf, was unser Klub für den Fußball in Schottland und der ganzen Welt geleistet hat. Darüber hinaus war unser Stadion, der Hampden Park, einmal das größte Stadion der Welt“.

Das sind Referenzen, die ihresgleichen suchen. Den Weg zum Professionalismus will man auch künftig nicht einschlagen. „Wir bleiben Amateure“, sagt MacAllister, „und wir akzeptieren einfach, dass uns die großen Klubs die besten Spieler wegholen“. Einen Vorteil sieht er für die Queen's Park Spieler trotzdem: „Sie sind zwar Amateure, aber dafür können sie alle 14 Tage im Hampden Park spielen“.

Berühmte Heimat

Mittlerweile hat der Queen's Park FC im dritten Hampden Park seine Heimat. Im ersten Hampden Park spielte das Team bis 1884. John Hampden, der Namensgeber der Anlage, war ein Engländer, der im englischen Bürgerkrieg auf Seiten Cromwells gestanden hatte. Der Klub musste umziehen, weil auf dem Gelände eine Bahnstrecke gebaut werden sollte. Der Name wurde mitgenommen. Der neue Hampden Park lag gerade einmal 150 Yards von der alten Anlage entfernt. 1884 eröffnet, war der zweite Hampden Park regelmäßiger Austragungsort des schottischen Pokalfinales.

In den 1890er Jahren wollte der Verein diese Anlage weiter ausbauen. Das wurde dem Klub von Seiten der Grundstückseigentümer verweigert. Daraufhin suchte man sich ein Gelände und baute darauf ein neues Stadion. Das alte Stadion übernahm Third Lanark, ein anderer Pionier des schottischen Fußballs, und benannte es in Cathkin Park um. Third Lanark wurde 1967 aufgelöst und das ehemalige Stadiongelände ist heute ein öffentlicher Park.

150.000 beim Länderspiel

Als der neue Hampden Park 1903 eröffnet wurde, war es das größte Stadion der Welt. Erst im Jahre 1950 wurde es vom Maracanã in Rio de Janeiro übertroffen. Nach dem Umbau beträgt das Fassungsvermögen jetzt nur noch 52.000 Zuschauer. Seit 1906 ist der Hampden Park das offizielle Heimstadion der schottischen Nationalelf.

Im Eröffnungsspiel besiegte der Queen's Park FC am 31. Oktober 1903 den Stadtrivalen Celtic mit 1:0. 1937 betrug die offizielle Zuschauerzahl beim Länderspiel Schottland – England 149.415, darüber hinaus sollen noch 20.000 Zuschauer ohne Tickets im Stadion gewesen sein.

Bleibt die Frage, wie sich ein Amateurklub den Unterhalt dieses Stadions leisten kann. Dazu Keith MacAllister: „Wir leasen das Stadion an die FA. Sie bezahlen alle Rechnungen. Für unsere Spiele mieten wir es dann einfach zurück“.

„Do not say Bochum“

Und da ist noch etwas. Queen's Park unterhält eine Fanfreundschaft mit einem deutschen Klub: Wattenscheid 09. MacAllister erzählt, wie die Freundschaft zustande kam. „Die Wattenscheider Jungs wollten sich ein Spiel in Großbritannien anschauen und da fiel die Entscheidung auf Queen's Park. Zum einen war es die Geschichte, die den Ausschlag gab, zum anderen sind auch die Wattenscheider ein kleiner Klub, der von vielen Großen umringt ist. Genau wie wir“. Queen's Park hat auch schon öfter die Saisonvorbereitung in Wattenscheid absolviert. Auf die Frage „Fahren Sie oft nach Bochum?“ hat Keith MacAllister die passende Antwort parat: „Do not say Bochum – the Wattenscheid guys HATE Bochum“ ( Sag nicht Bochum – die Wattenscheider Jungs HASSEN Bochum). Alles klar, oder?

Die größten Erfolge

Schottischer Pokalsieger: 1874, 1875, 1876, 1880, 1881, 1882, 1884, 1886, 1890, 1893 (Cup-Finalist 1892, 1900).

Finalist im FA Cup Englands: 1884, 1885.

Schottischer Amateur-Pokalsieger: 1912, 1920, 1928, 1933, 1934, 1936, 1947, 1950, 1951, 1963, 1964, 2009.

Meister der First Division (2. Liga – ehemals Division Two, ab 1946 Division B): 1923, 1956.

Meister der Second Division (3. Liga): 1981.

Meister der Third Division (4. Liga): 2000 (Gewinner der Play-Offs 2007).

Berühmte Spieler

Sir Alex Ferguson,

Andrew Watson (erster farbiger Fußball-Nationalspieler),

Ronnie Simpson (gewann mit Celtic 1967 den EC der Landesmeister),

Robert Smith McColl (gründete im zivilen Leben die Zeitungshandelskette RS McColl's),

Andy Roxburgh (schottischer Teammanager),

Bobby Brown (Nationaltorhüter und schottischer Teammanager),

Paul Conn (der erste Spieler, der in einem schottischen Ligaspiel eingewechselt wurde),

Robert W. Gardner (Schottlands erster Teamkapitän),

John Lambie (hält den Rekord, der jüngste schottische Nationalspieler, Teamkapitän und Torschütze aller Zeiten gewesen zu sein)

W. Weber

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