30.07.2014

Am „Hölzchen“ kommt Kurt!

Lok Stendal stellte einst Nationalspieler und Torschützenkönige – Jetzt hat einer vom 1. FC Lok einen Profivertrag

Jeder blamiert sich auf seine Weise. So auch Erich Ribbeck, den sie ob seiner so vornehmen Manieren noch immer „Sir“ nennen. Als im Herbst 1995 das Viertelfinale im DFB-Pokal ausgelost und Ribbeck gefragt wird, ob er wisse, wo denn Stendal liege, weil der von ihm betreute Bundesligist Bayer Leverkusen zum damaligen Drittligisten Lok Altmark muss, kommt er ins Schlingern. Der „Sir“, später immerhin (wenn auch erfolgloser) Bundestrainer, hätte sich schlau machen können, schließlich haben die Stendaler bereits den VfL Wolfsburg, Hertha BSC und Waldhof Mannheim ausgeschaltet. Natürlich wisse er, wo Stendal liege, sagt Ribbeck: „Irgendwo bei Altmark.“ Dafür erntet er nur Kopfschütteln.

Dabei hätte gerade er es besser wissen können und müssen. Denn die Spieler seiner Generation sorgen in den 50er und 60er Jahren für die größten Erfolge im Stadion „Am Hölzchen“. Vier Nationalspieler bringt die damalige BSG Lokomotive hervor, sie alle hätten mit Ribbeck (Jahrgang 1937) spielen können: Ernst Lindner (geboren 1935), Kurt Liebrecht (1936), Wilfried Klingbiel (1939) und Gerd Backhaus (1942). Zwei von ihnen (Lindner 1956 mit 16 und Backhaus 1964 mit 15 Treffern) werden in der DDR-Oberliga sogar Torschützenkönig. Ganz nebenbei: Mit Kurt Weißenfels (27 Treffer erzielt er 1952) haben sie gar noch einen dritten Torschützenkönig. Und der damalige Stürmer bringt es nur dadurch zu keinem Einsatz in der A-Elf des Landes, weil der DDR zu seiner Glanzzeit noch keine offiziellen Länderspiele erlaubt sind.

Ausschluss vom Pokalfinale 1952

Die starken Individualisten sind das eine, die ausgeglichen besetzte Mannschaft das andere. Die spielt im Oberhaus (1956 mit dem erfolgreichsten Angriff und 55 Toren in 26 Spielen Meisterschaftsvierter) etliche Jahre eine durchaus bemerkenswerte Rolle, auch wenn das nicht immer jedem passt. Das beste Beispiel und eine der größten Enttäuschungen erleben die Altmärker 1952. Dank eines 1:0-Sieges über Einheit Pankow ziehen sie ins Endspiel um den FDGB-Pokal ein. Einen Tag vor dem Finale aber sind sie draußen. Ausgeschlossen, weil sie mit dem Offensivmann Jochen Giersch einen angeblich nicht spielberechtigten Akteur eingesetzt haben. Nur: Giersch, zu Saisonbeginn von Einheit Schwerin gekommen, ist ohne Beanstandung bereits in den Runden zuvor dabei. Dafür darf mit Pankow der unterlegene Halbfinalist im Endspiel ran. Der FDGB-Pokal hat auf Kosten der Stendaler seinen vielleicht größten Skandal.

Die Nachfolger der Enttäuschten von 1952 bekommen die einmalige Gelegenheit, den „Pott“ 14 Jahre später doch nach Stendal zu holen. Endlich, endlich ist der Einzug ins Pokalfinale perfekt, am 30. April 1966 schlägt die große Stunde. Mit Lindner, Liebrecht und Backhaus sind drei der größten Fußball-Söhne der Stadt gegen Chemie Leipzig mit von der Partie. Aber wieder gibt es kein Happyend, die Leutzscher gewinnen denkbar knapp 1:0, der Traum, wenigstens einmal auf Europas Bühne im Europapokal der Pokalsieger zu stehen, geht nicht in Erfüllung.

Der Mann mit der Pferdelunge

Einer aber ist international lange dabei: Mittelfeldspieler Liebrecht, ein Mann mit wahrer Pferdelunge. 16 Länderspiele bestreitet er, in einem EM-Spiel knallt er im Oktober 1962 beim 2:1-Erfolg gegen die CSSR dem frischgebackenen Vizeweltmeister ein Elfmetertor rein, von den Olympischen Sommerspielen 1964 in Tokio bringt der Dauerläufer eine Bronzemedaille mit. Lange bevor Frank Zander mit „Hier kommt Kurt“ einen seiner schmissigsten Songs singt, haben sie mit Kurt Liebrecht diese Attraktion schon „Am Hölzchen“.

Diese Zeit ist lange vorbei, 1968 steigt Lok aus der Oberliga ab und kehrt nicht mehr zurück. Bis in die drittklassige Bezirksliga werden die Stendaler durchgereicht, auch weil der SC Aufbau Magdeburg als Leistungsstützpunkt des Bezirkes festgelegt wird und spätestens mit Gründung des 1. FC Magdeburg alle Talente zum Vorzeigeverein der Region müssen. Als einer der Ersten geht Wolfgang Abraham. Er, darauf dürfen sich die Stendaler durchaus etwas einbilden, gehört 1974 zum Sensations-Team der Magdeburger, das im Wettbewerb der Pokalsieger mit einem 2:0 im Finale über den AC Mailand (Trainer damals übrigens Giovanni Trapattoni) als einziges DDR-Team einen Europapokal gewinnt.

Oberliga durchaus im Blick

In den vergangenen zwei Jahrzehnten geht es in Stendal (2002 fusionieren die FSV Lok Altmark und der 1. FC Stendal zum 1. FC Lokomotive) mal hoch, mal runter, bis sich der Verein in der Verbandsliga Sachsen-Anhalt etabliert. Einesteils leben sie in der Tradition, andernteils natürlich in der Moderne. Einer der Mittler zwischen dem Gestern und dem Heute ist Dirk Schultz, Rechtsanwalt und Ur-Stendaler. „1995, nach dem Höhenflug im DFB-Pokal, floss das Geld, die Sponsoren waren da“, sagt er, „wir spielten in einer Liga mit Dynamo Dresden, dem 1. FC Union, dem BFC Dynamo, Zwickau, Chemnitz – es war fast so wie damals in der DDR. Aber dann kamen etwas unglückselige Zeiten, es wurde nicht vernünftig gewirtschaftet, der Verein hat sich überhoben.“ Schultz will nicht sagen, dass Lok bei seriöserer Führung (für ruhiges Fahrwasser sorgen aktuell Präsident Prof. Dr. med. Ulrich Nellessen, Ärztlicher Direktor des Johanniter-Krankenhauses Stendal-Genthin, und Vize-Präsident Dr. Ralf Troeger, ein weiterer Jurist) „vielleicht höher hätte spielen können. Aber man hätte sich viel Ärger erspart.“

Ambitionen jedenfalls haben sie. „Auch 2014 wurde und wird bei uns guter Fußball gespielt“, versichert Schultz, „wir haben mit einer jungen Mannschaft, die jünger ist als die U 23 des 1. FC Magdeburg, in der Verbandsliga Platz 4 erreicht. Da geht noch was.“ Also Oberliga? „Sportlich ist sie machbar. Wenn es auch sonst stimmt, haben wir nichts dagegen.“

Seguin junior in Wolfsburg

Das Motto, das nicht nur Schultz ausgibt, heißt also: „Wir leben von der Tradition, aber wir wollen auch mehr als nur Verbandsliga.“ So ist Hans Küchler, einer der alten Helden und mehr der Tradition verbunden, mit knapp 71 Jahren noch Trainer im Nachwuchs. Für den Blick nach oben haben sie auch einen und mit ihm inzwischen sogar einen kurzen Draht ins eine halbe Autostunde entfernte Wolfsburg. Sie sind mächtig stolz auf Paul Seguin (Vater Wolfgang bestritt 21 Länder- und 380 Erstligaspiele, gehörte zur 1974er Jahrhundert-Elf des 1. FCM und erzielte im Europapokalfinale ein Tor), der in Stendal seine ersten Fußball-Schritte machte und nun beim VfL seinen ersten Profivertrag erhielt. Na gut, die Zeit, in der sie gesagt haben „Hier kommt Kurt!“, ist lange vorbei. Vielleicht sagen sie eines Tages aber auch: „Jetzt kommt Paul!“

Von Robert Klein

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