15.06.2012

Altmeister mit Charme und treuen Fans

Union St. Gilloise zählte zu den Pionieren des belgischen Fußballs und hat sein besonderes Flair auch in der Drittklassigkeit bewahrt

Brüssel im Dezember 2011. Der dritte Advent ist ein ziemlich unangenehmer Tag – nasskalt und unfreundlich. Kurz vor 15 Uhr laufen die Teams von Royale Union St. Gilloise und des KRC Mechelen ins Stade Joseph Marien ein und stellen sich entlang der Mittelkreislinie auf. Royale Union in der einen Hälfte, die Gäste in der anderen. Langsam erheben sich die Zuschauer. Es gilt, einen Fan würdig zu verabschieden. Jef Drapeau, Royale Union-Fan seit vielen Jahren, ist in der Woche zuvor verstorben. Noch einmal würdigt der Stadionsprecher seine Verdienste um den Klub. Hierzulande würde eine Minute des Gedenkens und Schweigens folgen, im Stade Joseph Marien erhebt sich tosender Applaus. An geliebter Stätte erhält Jef Drapeau seinen letzten großen Bahnhof, wird mit Standingovations verabschiedet. Rest in peace, Jef!

Der Anpfiff beendet sowohl innere Einkehr als auch jegliche Besinnlichkeit. Nach einem teilweise ruppigen und nickligen Spiel nehmen die Gäste drei Punkte mit.

Fußball in Belgien – nicht unbedingt etwas, bei dem man gleich mit der Zunge schnalzt. Die Erfolge der Belgier – im Klubfußball wie auch beim Nationalteam – sind überschaubar. Der RSC Anderlecht gewann zweimal den Cup der Pokalsieger (1976 und 1978) und einmal den UEFA-Cup (1983), der KV Mechelen (1988) reihte sich als zweiter belgischer Klub in die europäischen Siegerlisten des Pokalsiegerwettbewerbs ein. Ansonsten fehlen die großen Triumphe. Beschäftigt man sich allerdings eingehender mit dem belgischen Fußball, wird man positiv überrascht.

Gala bei der FIFA-Gründung

In Saint-Gilles (flämisch Sint-Gillis), einem Stadtteil der belgischen Hauptstadt Brüssel, stand im November 1897 die Wiege des erfolgreichsten belgischen FußballKlubs der Frühzeit: Royale Union St. Gilloise. In den Jahren zwischen 1903 und 1935 brachte es der Verein auf elf Meisterschaften, acht Vizemeisterschaften und zwei Cupsiege. Auch international setzte St. Gilloise Zeichen mit Erfolgen in frühen europäischen Wettbewerben wie dem Coupe Ponthoz oder dem Coupe Dupuich. Welchen Stellenwert dieser Verein hatte, verdeutlicht am besten der Fakt, dass St. Gilloise im Jahre 1904 anlässlich der FIFA-Gründung in Paris zu einem „match de gala“ gegen Frankreich eingeladen wurde. St. Gilloise gewann 3:1.

Das Stade Joseph Marien

In seinen Anfangsjahren wechselte der Klub öfter die Heimat. Von „Plaine du Sud“ in Saint-Gilles führte der Weg über das „Vélodrome de Longchamps“ (1898), die „Rue Verte“ (1900), „Rue du Kersberg“ (1901), „Rue de Forest“ (1908) ins „Stade du Parc Duden“(1919).

Dieses Stadion liegt idyllisch am Rande eines großen Brüsseler Parks. Während der Olympischen Spiele 1920 wurden hier einige Spiele ausgetragen. Danach wurde das Stadion umgebaut und vergrößert. 1926 war es fertig. Seit dieser Zeit trägt das Stadion den Namen von Joseph Marien, dem ehemaligen Präsidenten (1921-1933) des Klubs. Zum Eröffnungsspiel, am 29. August 1926, lud man den FC Doordrecht ein. Die Niederländer vermasselten den Belgiern die Stadionpremiere und zogen mit einem 6:3-Sieg von dannen, „unbeeindruckt vom majestätischen Stadionneubau“, wie die Vereinschronik von Royale Union berichtet.

Art Deco und fiese Nachbarn

Erklimmt man den Berg in Richtung Parc du Duden, beginnen für den Autofahrer die Probleme. Dominique Deprêtre, bei Union für die Pressearbeit verantwortlich, hatte angekündigt, dass es keine reservierten Parkplätze gebe. Das Gegenmittel: frühes Erscheinen. Trotzdem war nur mit Mühe eine Lücke zu ergattern. Zumal Teile der Straße aus Sicherheitsgründen gesperrt waren. Ein Stadionanwohner hatte während des Spiels dennoch offenbar nichts Besseres zu tun, als mit seiner Digicam herumzuschleichen und die Autos der falschparkenden Fans abzulichten, um sie bei der Polizei anzuschwärzen. Fiese Nachbarn – auch in Brüssel.

Steht man vor dem Stadion, fühlt man sich in eine andere Zeit versetzt. Die Tribüne ist die einzige Art Deco-Tribüne in Belgien. Nach all den Jahren, die sie auf dem Buckel hat, sieht sie immer noch großartig aus. Betritt man die Innenräume, geht es in eine völlig andere Zeit zurück. Das hat Stil. Der VIP-Raum des Stadions befindet sich in der Bar. Sie ist klein, fein und – passend zum belgischen Altmeister – noch in mehr oder minder originalem Zustand.

Besuch aus Wimbledon

An einem der Tische sitzen Steve und Danny. Sie kommen aus London. Steve trägt das gelbe Trikot von Royale Union, Danny ein AFC-Wimbledon-Rugby-Shirt. Auf die Frage, weshalb er denn extra aus England herkomme, lacht Steve und zeigt auf sein Glas mit „Duvel“, einer belgischen Biersorte. Dann fügt er an, er finde es hier toll und komme regelmäßig drei- bis viermal im Jahr – seit 2003. Danny ist erst das zweite Mal hier. Steve fährt fort, dass ihm die Tradition, die hier gepflegt wird, viel bedeute. Als ehemalige Fans des nach Milton Keynes verkauften FC Wimbledon wissen die beiden, worüber sie reden. Die Dons in Milton Keynes waren für die beiden nie ein Thema. Stolz erzählt Danny im Nebensatz, dass der neugegründete AFC auf dem Weg zurück wieder eine Stufe genommen hat und in die englische Profiliga zurückgekehrt ist. Yvan, der mit ihnen am Tisch sitzt, ist Belgier und Union-Fan. Er wird später das Spiel mitschneiden. Er ist immer dabei und zeichnet auf. Auch auswärts. Yvan berichtet stolz, dass sich zwischen den beiden Klubs eine Art Freundschaft gebildet hat. Gerne fährt man auch mal auf die Insel.

Keine Ränge hinter dem Tor

Von der Tribüne aus blickt man in ein Stadion, das hinter beiden Toren keine Ränge mehr hat. Auf der linken Seite stehen einige Container. Dahinter kann man die ursprünglichen Ausmaße des Stadions gut ausmachen. Helle Betonstümpfe und Reste von Wellenbrechern künden noch von der Zeit, in der sich hier die Fans getummelt haben. Hinter dem anderen Tor steht ein viereckiger Kasten. Hier befinden sich die Geschäftsstelle des Klubs und ein Restaurant. Dahinter Wildwuchs.

[St. Gilloise im Angriff: Hinter dem Tor aber gibt es keine Ränge und deshalb auch keinen Jubel mehr.] Das Stadion hat seine besten Zeiten hinter sich. Auf der Gegenseite steht ein Haus am Berg. Früher waren dort Klubräume und Kabinen. „Die Spieler kamen über eine Treppe auf den Platz“, berichtet Deprêtre. Heute wird das Haus vom Institut National de Radioélectricité et Cinématographie, einer Schule für Film und Photographie, genutzt. Gegründet wurde sie von Henri Storck, dem berühmten Dokumentarfilmer.

Das Stadion, erzählt Deprêtre, ist sowohl für die 3. als auch für die 2. Liga zugelassen. Sollte der Klub irgendwann einmal wieder in die 1. Liga aufsteigen, müsste es auf Vordermann gebracht werden.

Dominique Deprêtre ist in Saint Gilles aufgewachsen und in diesem Stadion groß geworden. Die Liebe zu Union ist eine Familienangelegenheit. Sein Großvater ist zu Royale Union gegangen. Sein Vater ebenfalls. Und nun er. Die ganz großen Zeiten des Klubs kennt er allerdings auch nur aus Erzählungen.

L'Union 60

Am 8. Januar 1933 traf St. Gilloise zuhause auf den K. Liersche SK. Das Spiel endete 2:2. Dieses Unentschieden war der Auftakt einer Serie von 60 Spielen in Folge, die Royale Union nicht verlieren sollte. Die Bilanz: 44 Siege (23 zu Hause) und 16 Unentschieden (sieben zu Hause). Am 3. Februar 1935 nahm St. Gilloise zu Hause den RCS Brugeois (Cercle Brügge) mit 7:0 auseinander. Es war das 60. Spiel. Eine Woche später, am 10. Februar 1935, riss die Serie mit einer 0:2-Niederlage beim Daring Club Brüssel.
1953 lobte die Zeitung „Les Sports“ die „Trophée Jules Pappaert“ aus. Eine Auszeichnung für die Mannschaft, die in den Meisterschaftsspielen eines Jahres am längsten ungeschlagen bleibt.

Wahrscheinlich hätte man für diesen Preis keinen besseren Namen finden können. Jules Pappaert war der „Capitaine“ jener Royale Union-Mannschaft, die in den 30ern die bislang unerreichte Serie von 60 Spielen hinlegte. Bleibt nur noch anzumerken, dass St. Gilloise diese Trophäe bislang zweimal erringen konnte. 1956 hielt die Serie 17 Spiele, 1976 waren es gar 23 Begegnungen.

Erfolge im Messepokal

Den letzten internationalen Glanzpunkt setzte St. Gilloise im Messepokal 1958-1960, dem Vorläufer des UEFA-Pokals. Wobei die Qualifikation damals nicht sportlicher Natur war. Die Vereine mussten in Messestädten beheimatet sein.

Im Achtelfinale schlugen die Belgier die Vertretung Leipzigs 6:1/0:1. In der nächsten Runde warf St. Gilloise AS Rom mit 2:0/1:1 aus dem Wettbewerb. Erst im Halbfinale war dann Endstation. Birmingham City zog mit zwei 4:2-Siegen ins Finale gegen den späteren Sieger FC Barcelona ein.

Auf Platz drei der Rekordmeister

St. Gilloise unterhält gute Beziehungen zum benachbarten RSC Anderlecht. Constant Vanden Stock, ehemals Präsident bei Anderlecht, trug zu seiner aktiven Zeit das Trikot von St. Gilloise. Anderlecht leiht an den Lokalrivalen auch regelmäßig Spieler aus der zweiten Reihe aus.

Royale Union St. Gilloise – das ist große Fußballhistorie. Achille Meyskens und Gustave Vanderstappen, Torjäger der Frühzeit. „Luigi“ Louis Van Hege, ebenfalls ein Goalgetter, der 1910 nach Italien ging. Jules Pappaert, Kapitän der Union 60. Namen, die groß waren, die heute aber keiner mehr kennt.

Von den Erfolgen dieser Tage ist Royale Union St. Gilloise derzeit meilenweit entfernt. Doch obwohl die letzte Meisterschaft schon über 75 Jahre zurückliegt, steht der Klub in der Liste der belgischen Rekordmeister mit elf Titeln immer noch auf Platz drei. Nur Anderlecht (30) und der FC Brügge (13) können mehr Titel vorweisen. Standard Lüttich (10) folgt – zur großen Freude der „Unionistes“ – erst auf Platz vier. Mittlerweise spielt St. Gilloise in der 3. Division. Doch die Hoffnung, eines Tages wieder ganz oben dabei zu sein, ist nie erloschen.

Die größten Erfolge

Belgischer Meister: 1904, 1905, 1906, 1907, 1909, 1910, 1913, 1923, 1933, 1934, 1935

Belgischer Vizemeister: 1903, 1908, 1912, 1914, 1920, 1921, 1922, 1924

Meister der 2. Belgischen Division: 1964

Meister der 3. Belgischen Division A: 1976, 1984

Meister der 3. Belgischen Division B: 2004

Belgischer Pokalsieger: 1913, 1914

Coupe Ponthoz (früher europäischer Wettbewerb): 1905, 1906, 1907

Coupe Dupuich (früher europäischer Wettbewerb): 1912, 1913, 1914, 1925

Berühmte Spieler

Jan Verheyen, belgischer Nationalspieler, 1975-78 bei St. Gilloise (Meister mit RSC Anderlecht)

Paul van den Berg, belgischer Nationalspieler, 1954-65 bei St. Gilloise (später Standard Lüttich und Anderlecht)

Harald Nickel, 1975/76 bei St. Gilloise (in Deutschland bei Arminia Bielefeld, Eintracht Braunschweig, Borussia Mönchengladbach)

Louis Van Hege, 1907 bis 1910 und 1919 bis 1924 bei St. Gilloise

Achille Meyskens, 1913/14 und 1919 bis 1927 bei St. Gilloise

Gustave Vanderstappen, belgischer Nationalspieler, 1897 bis 1910 bei St. Gilloise

Jules Pappaert, belgischer Nationalspieler, 1920 bis 1938 bei St. Gilloise

Stéphane Stassin, 2006 bis 2008 bei St. Gilloise, vorher Anderlecht und Mönchengladbach

W. Weber

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