Mein Fußball-Woche

22.03.2014

Die 69. Saison im Oberhaus

Nach drei Jahren spielt Belenenses Lissabon wieder in Portugals höchster Liga – Ein Gegenstück zur hippen Fußballkultur

Bei Belenenses Lissabon wirkt irgendwie alles alt und strotzt vor Nostalgie. Das Estádio do Restelo ist eine Erinnerung aus gemütlicheren Zeiten vor dem durchgestylten „modernen Fußball“ und mit entsprechendem Patina versehen, die Kluberfolge sind ebenso schillernd wie längst verblasst und das Publikum entstammt überwiegend eher älteren Semestern. Belenenses ist das Gegenstück zur hippen Fußballkultur bei Benfica und Sporting. Belenenses ist Portugals in Ehren gealterter Traditionsverein. Nach drei Jahren in der Zweitklassigkeit spielt der „Clube de Futebol Os Belenenses“, wie er offiziell heißt, in dieser Saison wieder in Portugals 1. Liga.

Nun hilft Tradition in modernen Zeiten zwar bei der Bildung eines hilfreichen Images, bei der Erbringung aktueller Erfolge sind vergangene Erfolge aber bestenfalls eine schmückende Randnote. Und so geht es auch Belenenses, das, am 23. September 1919 gegründet und nach Jahrzehnten unerschütterlicher Zugehörigkeit zum portugiesischen Fußballoberhaus, seit 1982 zum Fahrstuhlverein mutiert ist.

Im noblen Stadtteil beheimatet

Der Klubname Belenenses steht frei übersetzt für „aus Belém stammend“. Belém ist ein wohlhabender Stadtteil von Lissabon, in dem sich neben dem Estádio do Restela auch zahlreiche Diplomatenhäuser und Botschaften sowie der Präsidentenpalast befinden. Daraus ergibt sich, dass Belenenses als Klub der „besseren Gesellschaft“ gilt, während Benfica als „Volksverein“ und Sporting als „aristokratischer“ Klub bezeichnet werden. Nicht zufällig wird bei Belenenses bis heute der ursprüngliche upper-class-Sport Rugby betrieben, in dem Belenenses übrigens zuletzt 2008 als Landesmeister von Portugal gefeiert wurde.

Historisch war Belenenses ein Spätstarter. Fußball war längst landesweit etabliert, als der Klub 1919 von einigen Jugendlichen gegründet wurde. Sporting war bereits 1906 entstanden, Benfica 1908 und der FC Porto sogar schon 1893. Belenenses' Gründer waren demnach auch keine Pioniere, sondern im Fußball bereits kundige Benfica-Mitglieder, die im noblen Belém lebten.

Erster Landesmeister-Titel 1927

Nur sechs Jahre nach ihrer Entstehen stritten die „Azúis“ („Blauen“) 1925 erstmals bei der damals noch im K.-o.-System ausgetragenen Landesmeisterschaft und erreichten auf Anhieb das Endspiel, in dem sie Marítimo Funchal mit 0:2 unterlagen. Ein Jahr später stand Belenenses erneut im Endspiel. Und diesmal setzte man sich am 12. Juni 1927 mit 3:0 gegen Vitória Setúbal durch und heimste die erste Meistertrophäe ein! Als 1928 das für Spitzensport unzulängliche Sportfeld „Pau do Figo“ gegen das moderne Campo das Salésias eingetauscht werden konnte, erhielt der Klub zudem eines der ersten „richtigen“ Sportstadien der portugiesischen Hauptstadt, in dem bis zur Eröffnung des „Restelo“ im Jahre 1956 das Herz der Blau-Weißen schlagen sollte.

Volksheld und Superstar „Pepe“

Herausragende fußballerische Kraft der Belém-Kicker war seinerzeit Angreifer José „Pepe“ Manuel Soares, der bis heute als ein schillerndes Idol verehrt wird. 1926 mit 18 Jahren debütierend, war „Pepe“ rasch zu einem der umschwärmten Stars im Lissaboner Fußball aufgestiegen und hatte es bereits im März 1927 in die Nationalmannschaft geschafft. Bei den Azúis war Pepe Kopf einer Erfolgself, die auch 1929 (2:1 gegen União Lissabon) und 1933 (3:1 gegen Sporting) im Meisterschaftsfinale triumphierte, während es 1932 eine Endspielniederlage gegen den FC Porto gab.

Wie später Rapid Wien war auch Belenenses in den späten 1920er Jahren gefürchtet für eine furiose Schlussviertelstunde, die ehrfürchtig „quartos-de-hora à Belelenses“ genannt wurde und in der die von Augusto Silva trainierte Mannschaft wiederholt bereits verloren geglaubte Spiele drehte. Das Campo das Salésias war seinerzeit eine der beliebtesten Fußballarenen in Lissabon und vor allem bei den Lokalderbys gegen Benfica und Sporting stets gut gefüllt. Belenenses galt als fußballerisches Aushängeschild von Belém, in dem der Klub fest verankert war und sowohl seine Anhänger als auch seine Aktiven rekrutierte. Zugleich steckte Portugal jedoch in schweren politischen Turbulenzen, nachdem 1926 der aus Coimbra stammende Ökonomieprofessor António de Oliveira Salazar an die Macht gekommen war und begonnen hatte, eine bis zur berühmten „Nelkenrevolution“ 1974 währende Diktatur zu errichten.

Im portugiesischen Fußball konkurrierten seinerzeit übrigens gleich mehrere Verbände um die Führungsrolle, weshalb es zwischen 1934 und 1938 auch zwei Landesmeisterschaften gab, ehe es zur Einigung kam und aus dem einen Wettbewerb die Landesmeisterschaft und aus dem anderen der Landespokal wurde.

Die große Ära der Blau-Weißen neigte sich abrupt ihrem Ende zu, als Superstar „Pepe“ im Oktober 1931 an einer mysteriösen Lebensmittelvergiftung verstarb und der Clube de Futebol Belenenses seinen Angriffsführer und Leitwolf verlor. 1936 erreichte das Team zwar noch einmal das Pokalfinale, verlor aber mit 1:3 gegen Sporting und geriet anschließend in den Schatten von Benfica und Sporting.

Erst in den 1940er Jahren kehrte der Klub mit einer „goldenen Generation“ zurück. Die Elf um Torhüter Capela, die Verteidiger Vasco Oliveira und António Feliciano, Kapitän Mariano Amaro sowie dem Sturmtrio Artur Quaresma, José Pedro und Rafael bescherte Belenenses sogar den ehrenvollen Beinamen „Torres de Belém“. Zwischen 1940 und 1942 erreichten die „Azúis“ unter Trainer Augusto Silva dreimal in Folge das Pokalfinale und gewannen es 1942 mit einem 2:0 gegen Vitória Guimarães.

Sensationeller Triumph 1946

1945/46 gelang dann der größte Triumph der Vereinshistorie. Längst dominierten Benfica, Sporting und der FC Porto nach Belieben die Landesmeisterschaft, als sich Außenseiter Belenenses mit einem tollen Siegeszug und nur zwei Saisonniederlagen erstmals in der Liga die Landesmeisterschaft sicherte und die Herrschaft der „großen Drei“ durchbrach. Lohn war u.a. eine Einladung von Real Madrid, als Gegner beim Eröffnungsspiel des Estadio Santiago Bernabéu am 14. Dezember 1947 zu fungieren (1:3).

Belenenses schienen sämtliche Türen offen zu stehen, zumal mit Comandante Américo Tomás der Präsident der Republik unter den Anhängern eines Klubs war, der in seinem Wappen das berühmte „Cruz de Cristo“ trägt, das auch zum portugiesischen Nationalwappen gehört. Doch die Meisterschaft von 1946 sollte die einzige der Klubgeschichte seit Einführung des Liga-Spielbetriebs bleiben. Schon 1947 hatten die „großen Drei“ wieder alles fest im Griff. Erst 2001 sollte mit Boavista Porto erneut ein anderer Klub Landesmeister werden! Belenenses erreichte 1948 noch einmal das Cupfinale (1:3 gegen Sporting), ehe die Azúis immer weiter zurückfielen und mit Vitória Setúbal um die Rolle als nationale Nummer vier rangen.

Erneuten Titel knapp verpasst

Während in Belém das am 23. September 1956 eröffnete Estádio de Restelo entstand, verpasste man 1955 nur aufgrund des schlechteren Torverhältnisses auf Benfica die erneute Landesmeisterschaft und sicherte sich 1960 mit einem 2:1-Finalsieg über Sporting immerhin zum zweiten Mal nach 1942 den Pokal. Herausragend: Torjäger Lucas Fonseca, der landesweit als „Matateu“ bekannt war. Viermal vertrat Belenenses Portugal in den 1960er Jahren im Messepokal, und 1973 durfte man nach der erneuten Vizemeisterschaft (abermals hinter Benfica) erstmals im UEFA-Cup starten, wo gegen Hibernian Edinburgh das frühe Aus kam.

Prestigeerfolg gegen Barça

Nach einer weiteren UEFA-Cup-Teilnahme 1976/77 begann die Krise. Zehn Jahre lang fehlte der Klub auf der internationalen Bühne und musste 1982 – nach 44 Jahren in der 1. Liga seit deren Gründung 1938 – sogar erstmals den Gang in die Zweitklassigkeit antreten. 1984 zurückgekehrt, knüpfte man mit den Nationalspielern Alberto und Jaime rasch an alte Erfolge an und erreichte 1986 erstmals nach 26 Jahren wieder das Pokalfinale, das mit 0:2 gegen Benfica verloren ging. 1986/87 als Sechster für den UEFA-Cup qualifiziert, gelang dort ein legendäres 1:0 über den FC Barcelona, das aufgrund der 0:2-Hinspielniederlage aber nicht zum Weiterkommen reichte. 1987/88 schalteten die Azúis im UEFA-Cup zwar Bayer Leverkusen aus, scheiterten anschließend jedoch im Elfmeterschießen am jugoslawischen Underdog Velez Mostar. Die „goldenen Achtziger“ erreichten ihren Höhepunkt am 28. Mai 1989, als sich Belenenses unter Trainer Marinho Peres mit einem 2:1 über Benfica Lissabon zum dritten Mal den Landespokal sicherte.

Zum achten Mal im Pokalfinale

Es war die bislang letzte Trophäe, die der Klub errang. 1989/90 im Pokalsiegerwettbewerb früh am AS Monaco gescheitert, stürzte man in der Folgesaison erneut in die Zweitklassigkeit und wurde zur Fahrstuhlmannschaft. 1992 gelang der Wiederaufstieg, 1998/99 musste man ein weiteres Mal in der Zweitklassigkeit auflaufen, ehe Belenenses 2007 zum achten Mal seit 1940 das Finale um den Landespokal erreichte und Sporting mit 0:1 unterlag. Im UEFA-Cup traf man anschließend auf den FC Bayern, der kurzen Prozess mit den Europacuphoffnungen der „Azúis“ machte (0:1 in München, 0:2 in Lissabon).

Schon 2009 stand Belenenses abermals vor dem Abstieg, verblieb jedoch in der 1. Liga, nachdem Estrela Amadora am Grünen Tisch aus der Liga geworfen worden war. Ein Jahr später war es dann doch soweit. Erneut auf einem Abstiegsplatz einlaufend, ging es diesmal tatsächlich in Liga 2. Gleich drei Jahre mussten die treuen Fans diesmal auf eine Rückkehr warten, und in der laufenden Saison steckt Aufsteiger Belenenses einmal mehr in dem, was für den einstigen Meisterklub allmählich zur Normalität zu werden scheint: Abstiegskampf.

Die größten Erfolge von Belenenses

Portugiesischer Landesmeister: 1927, 1929, 1933, 1946
Portugiesischer Pokalsieger: 1942, 1960, 1989.
Teilnahme Europapokal der Pokalsieger: 1990.
Teilnahmen Messepokal/UEFA-Cup: 1962–1965, 1974, 1977, 1988, 1989, 2007.

Die prominentesten ehemaligen Spieler

Pepe (José „Pepe“ Manuel Soares – portugiesischer Nationalspieler, Olympia-Teilnehmer 1928, galt seinerzeit als bester Spieler Portugals); Matateu (portugiesischer Nationalspieler und Torjäger von Belenenses in den 50er Jahren); Jaime (Jaime Jerónimo das Mercês – portugiesischer Nationalspieler, 196 Spiele und 21 Tore für Belenenses von 1983 bis 1992); José Mourinho (Trainer FC Chelsea, 1982/83 als Spieler bei Belenenses); Alejandro Scopelli (Nationalspieler Argentinien und Italien, 1939/40 bei Belenenses und später dort auch Trainer); Albert Meyong (Nationalspieler Kamerun); Batista (Nationalspieler Brasilien, WM-Teilnehmer 1978 und 1982); Marco Aurélio (brasilianischer Torhüter, 261 Spiele für Belenenses von 1998 bis 2007); Borislaw Michailow (bulgarischer Torhüter und Nationalspieler, WM-Teilnehmer 1986 und 1994); Stojtschko Mladenow (bulgarischer Nationalspieler, WM-Teilnehmer 1986, Pokalsieger mit Belenenses 1989); sowie u.a. Anders Andersson (Nationalspieler Schweden), Tomislav Ivkovic (Torhüter und Nationalspieler Jugoslawien), António Mendonça, Wilson (beide Nationalspieler Angola), Henri Antchouet (Nationalspieler Gabun), José António, Fernando Chalana, Paulo Madeira, António Morato, Rolando, Rúben Amorim, Luís Sobrinho (alle portugiesische Nationalspieler).

Das Stadion

Belenenses Lissabon trägt seine Heimspiele im 1956 eröffneten Estádio do Restelo aus (aktuelles Fassungsvermögen 19.980 Zuschauer).

Von Hardy Grüne

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