11.06.2012

Alte Liebe rostet nicht

Atlético Baleares tritt in Palma aus dem Schatten des großen Stadtrivalen Real Mallorca und strebt den Aufstieg in Spaniens 2. Liga an.

Die Plakate im „Celler sa Premsa“ sind angegilbt. Kein Wunder nach all den Jahren, die sie schon an den Wänden des Traditionsrestaurants im Zentrum von Palma hängen. 1958 wurde das bekannte, wohltuend ursprüngliche Lokal unweit der Ramblas eröffnet. Die Stierkampf- und Fußball-Plakate, fester Bestandteil der rustikalen Inneneinrichtung wie die großen alten Weinfässer, sind kaum jünger.

Dokumente einer Zeit, in der der Fußball auf Mallorca plötzlich und rasant aufblühte. Innerhalb von zwei Jahren (1958-1960) gelang dem Real Club Deportivo (RCD) Mallorca, bis heute das sportliche Aushängeschild der Ferieninsel, der Sprung von der 3. in Spaniens 1. Liga. Dort, in der Primera División, hatte zuvor noch kein Verein der Balearen gespielt. 1961 feierte auch Atlético Baleares, der älteste Klub aus Palma, einen Aufstieg. Zum zweiten Mal nach 1951 qualifizierte sich der Stadtrivale von Real für die zweitklassige Segunda. Ein Jahr später folgte mit CD Constancia aus der Kleinstadt Inca ein weiterer mallorquinischer Klub den Blau-Weißen in die 2. Liga. Die Gegner dort hatten klangvolle Namen, darunter Español Barcelona, Real Sociedad San Sebastián, Real Gijón und Celta Vigo.

Die Blütezeit mit fünfstelligen Kulissen bei den Zweitliga-Derbys auf Mallorca währte nur kurz. Hinterlassen hat sie nicht nur die Plakate im „Celler sa Premsa“, sondern vor allem auch ein großes Stadion, dessen Haupttribüne sich nur wenige Meter hinter den Leitplanken von Palmas Ringautobahn Vía Centura ausbreitet.

Premiere gegen Birmingham City

Es ist kühl an diesem Sonntagvormittag im mallorquinischen Winter. Und die schwarze Wand, die sich drohend über den schneebedeckten Gipfeln der Serra de Tramuntana im Westen der Insel erhebt, kündet von den Wolkenbrüchen, die in Kürze aus den unüberdachten Stehrängen des Estadio Balear einen ungemütlichen Ort machen werden.

Wer sich dem im Osten Palmas gelegenen Stadion nähert, gewinnt zunächst den Eindruck, als sei die Zeit seit der Eröffnung der Arena am 8. Mai 1960 stehen geblieben. An jenem Tag bestritt Atlético Baleares zur Premiere ein Freundschaftsspiel gegen die englischen Profis von Birmingham City und siegte 2:0. Der Glanz ist längst verblichen. Nur die weiträumigen Absperrungen durch Bauzäune an der Süd- und Ostseite lassen erahnen, dass für das Areal offenbar eine Zukunft vorgesehen ist. Am Mauerwerk und an den Flutlichtmasten haben die vergangenen fünf Jahrzehnte indes deutlich ihre Spuren hinterlassen.

Doch es tut sich etwas im Estadio Balear, das vor sechs Jahren zumindest im Innenbereich einer Schönheitspflege mit neuem (künstlichen) Rasen unterzogen wurde. Von Verfall oder Lethargie ist 2012 ohnehin nichts zu spüren. Die Stimmung ist gut und entspannt an diesem Sonntag. Es mögen knapp 2000 Zuschauer sein, die sich bei kaltem Schmuddelwetter zum Duell von Spitzenreiter Atlético in der dritthöchsten spanischen Liga mit dem Abstiegskandidaten CF Gandía im weitläufigen, 18.000 Besucher fassenden Stadion eingefunden haben – zur traditionellen Anstoßzeit um zwölf Uhr mittags. Normalerweise kommt fast die doppelte Besucherzahl zu den Heimspielen. Der Verein scheint vor allem Familien aus den umliegenden Barrios anzuziehen. Auffallend viele Kinder und Jugendliche sitzen und lärmen neben Augenzeugen der 50er und 60er Jahre unter dem Tribünendach.

Spieler mit Erstliga-Erfahrung

Die Mallorquiner haben ihre Liebe zu Atlético Baleares wieder entdeckt. Und die Nummer zwei in Palmas Fußball-Hierarchie tut zurzeit alles, um alte und neue Sympathien auf der Insel zu wecken. Für die aktuelle Saison wurde der Etat mit Hilfe des einheimischen Sponsors und Multimillionärs Bartolomé Cursach (Freizeitkonzern Grupo Cursach) von 400.000 Euro auf über eine Million Euro erhöht. Mit diesem Geld konnte gleich eine ganze Reihe von Profis mit Erstliga-Erfahrung verpflichtet werden wie Stürmer Antoñito, der schon für den FC Sevilla und Racing Santander in der Primera División auf Torejagd ging (siehe auch Rubrik „Namhafte Spieler“). Zum ehrgeizigen Projekt des Vereins gehören auch (durch die Finanzkrise gefährdete) Pläne für eine „Ciudad Deportiva“, einer Sportstadt mit einem neuen, auf 8000 Sitzplätze verkleinerten Stadion, diversen Nebenplätzen, Schwimmbad, Sporthalle und Geschäftsräumen.

Atléticos sportliche Ambitionen stoßen auf offene Ohren. Auch deshalb, weil viele Mallorquiner sich genervt und angewidert von den internen Ränkespielen bei Real um Macht und Geld vom Stadtrivalen abwenden. Wie sehr die Menschen auf Distanz zum Erstligisten gegangen sind, zeigte sich Anfang Februar, als bei Reals Punktspiel gegen Betis Sevilla nur noch 5000 Fans Eintritt zahlten. Was nicht allein am Wintereinbruch gelegen haben dürfte.

Gegenentwurf zu RCD Mallorca

Während bei Real (32 Millionen Euro Schulden, Konkursverfahren) der umstrittene deutsche Unternehmer und Anteilseigner Utz Claassen (als kurzzeitiger Präsident von Hannover 96 stand er 1997 unter Polizeischutz) den Klub zu einer „europaweiten Marke“ entwickeln will, andere Investoren aus der Schweiz und Deutschland jüngst mit Kaufgesuchen auf den Plan traten, verkörpert Atlético Baleares den noch weitgehend unverdorbenen, bodenständigen mallorquinischen Fußball. Ein Familienklub, bei dem nicht nur das Geld eine Rolle spielt, sondern auch noch Gefühle zählen. „Sentiment blanc i blau“, lautet seine Botschaft auf Katalanisch.

Verein der kleinen Leute

Sie passt zur Geschichte der Blau-Weißen. Schon immer legte Atlético Wert darauf, sich von seinem großen Rivalen in Palma abzugrenzen. „Real Mallorca hatte immer den kapitalistischeren Anstrich“, zitierte im vergangenen November die deutschsprachige, wöchentlich erscheinende Mallorca Zeitung den Chef der Atlético-Fanklubs, Miquel Pou. „Dort gehen die feineren Leute hin. Die einfacheren Leute und die Menschen vom Land sind Anhänger von Atlético.“ Der Verein ist stolz auf seine Wurzeln, die bis in das Jahr 1904 zurückreichen, als Arbeiter den Vorläuferklub Mecánico FC gründeten.

Sportlich geht es Atlético so gut wie seit fast 50 Jahren nicht mehr. Souverän (bei neun Punkten Vorsprung auf den Tabellenzweiten) thront der Klub mit den blau-weiß längsgestreiften Trikots im zweiten Jahr nach seinem Wiederaufstieg in die Drittklassigkeit an der Spitze der viergleisigen Segunda B. Ein direkter Sprung in die 2. Liga ist allerdings nicht möglich. Von den insgesamt vier Aufsteigern werden zwei in den Duellen der Gruppenmeister ermittelt, die restlichen beiden in einer strapaziösen Zusatzrunde der unterlegenen Meister und aller Zweit- bis Viertplatzierten.

Aus diesem Grund will Atlético unbedingt am Saisonende Gruppenerster sein. An diesem Sonntag aber tut sich der Favorit im unnachgiebig prasselnden Dauerregen schwer. Zur Halbzeit heißt es 0:0, doch das Publikum zeigt Geduld und wird von Atléticos multikultureller Mannschaft belohnt. Der eingewechselte Brasilianer Thiago (64.) und der Nigerianer Peter Nworah (79.) schießen einen 2:0-Vorsprung heraus, der Franzose Mathias Coureur sorgt in der Nachspielzeit für den Endstand von 3:1 (90.+1). Atlético ist seinem Ziel wieder ein kleines Stück näher gekommen. Fast ein halbes Jahrhundert ist seit dem bis dato letzten Aufenthalt der Blau-Weißen in Spaniens 2. Liga vergangen, doch Mallorcas alte Fußball-Liebe hat in dieser Zeit nur rein äußerlich Rost angesetzt.

Die größten Erfolge

Der Verein (katalanisch Club Esportiu Atlètic Balears) – Gründungsdatum: 27. Mai 1942 (Fusion von Baleares FC und Athletic FC). Die Wurzeln des Klubs reichen zurück bis 1904, als Metallarbeiter der Firma Isleña Marítima (heute Trasmediterránea) den Mecánico FC gründeten, der sich am 14. November 1920 mit Mallorca FC zu Baleares FC zusammenschloss. Vereinsfarben: Blau-Weiß. Stadion: Estadio Balear (katalanisch Estadi Balear; Fassungsvermögen 18.000, davon 3000 überdachte Sitzplätze). Internet: www.cdatleticobaleares.com

Fans: Neben anderen Fanklubs (wie die linksgerichtete „Revolta Blanc-i-blava“) gibt es eine kleine Ultra-Gruppierung, die „ATB Firm“, die sich in der Nordkurve versammelt.

Aufstiege in die Segunda División: 1951, 1961.

Spielzeiten in der Segunda División (4): 1951/52 (10. Platz), 1952/53 (14. Platz), 1961/62 (10. Platz), 1962/63 (14. Platz; jeweils zweigleisige Liga mit 16 Mannschaften pro Staffel).

Spielzeiten in der Segunda División B (7): 1977/78, 1987/88, 1988/89, 1989/90, 2008/09, 2010/11, 2011/12.

Meister der Tercera División: 1951, 1956, 1961, 1965, 1968, 1998, 2000, 2001, 2002, 2008, 2010.

Berühmte Spieler

Javier Dorado (ehemaliger spanischer U 21-Auswahlspieler; insgesamt 16 Erstliga-Einsätze für Real Madrid, Rayo Vallecano und Real Mallorca; seit 2011 bei Atlético)

Dani (ehemaliger spanischer U 21-Auswahlspieler und langjähriger Erstliga-Profi von Betis Sevilla; seit 2011 bei Atlético)

Antoñito (früherer Erstliga-Profi u.a. des FC Sevilla; seit 2011 bei Atlético)

Jesús Perera (früherer Erstliga-Profi von Real Mallorca und Celta Vigo; seit 2011 bei Atlético)

José Izquierdo (früherer Erstliga-Profi von CA Osasuna; seit 2011 bei Atlético)

Trainer-Legende: Gaspar Rubio Meliá („El mago Gaspar"; ehemaliger Profi von Real Madrid; führte Atlético 1951 zum ersten Aufstieg in die Segunda Division)

Aktueller Trainer (seit 2010): Gustavo Siviero (42; Argentinier; ehemaliger Profi u.a. von Colón Santa Fe, Newell's Old Boys, Lanús, Real Mallorca und Albacete Balompie)

Horst Bläsig

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