Mein Fußball-Woche

01.02.2014

Als Viktoria Stolp mit „Tante Ju“ anreiste ...

Im früheren deutschen Nordosten blieben große Fußballtage die Ausnahme – Der Stettiner FC Titania sorgte überregional für den größten Triumph

Die im äußersten Nordosten des Deutschen Reiches gelegenen Regionen Ostpreußen und Pommern – im Fußball auch Baltengebiet genannt – waren in jeglicher Hinsicht Schlusslicht in der Entwicklung des Fußballs in Deutschland bis 1945. Das war in erster Linie der peripheren Lage und der dünnen Besiedlung geschuldet. 50 Prozent der Gesamtbevölkerung lebte auf dem Lande, und mit Königsberg, Danzig und Stettin gab es nur drei größere Städte. Darüber hinaus gehörte lediglich Stolp zu den Fußballhochburgen der Region. Als herausragendes Team galt der VfB Königsberg (Teil 2 dieser Serie, FuWo Nr. 2/2014 vom 6. Januar), in dessen Schatten die anderen Klubs standen.

Neben der vergleichsweise liberalen und offenen Großstadt Königsberg war es vor allem Stettin, das sich als wirtschaftliches, kulturelles und administratives Zentrum Pommerns früh zur Fußballhochburg entwickelte. Bereits 1886 brachten die Hamburger Brüder Schwant den ersten Ball in die Hansestadt, wo 1901 mit Preußen Stettin der erste Verein entstand.

Rückständige Region

In Danzig und dem benachbarten Seebad Zoppot erblickte erst drei Jahre später mit dem BuEV der Fußballpionier das Licht der Welt, während es im hinterpommerschen Stolp sogar noch bis 1909 dauerte, ehe der später führende SV Viktoria ins Leben gerufen wurde. Größtes Problem war neben den enormen Distanzen und der dörflichen Strukturen vor allem die gesellschaftliche und industrielle Rückständigkeit der Region. 1914 hieß es im Jahrbuch des Baltischen Rasen- und Wintersportverbandes: „Wir im Osten hinken, wie bei allen anderen Gelegenheiten, natürlich hinterher“. Nach dem Ersten Weltkrieg erschwerte der polnische Korridor die Situation vor allem für Vereine und Verbände aus Ostpreußen und der seit 1920 dem Völkerbund unterstellten Freien Stadt Danzig zusätzlich.

Baltentitel 1912 für den BuEV

Danzig: Danzig fand als kulturelles Zentrum früh zum Fußball, der sich in der Ostseestadt dennoch nicht zu voller Größe und Popularität aufschwingen konnte. Ältester Klub war der BuEV Danzig, der 1903 als FC Danzig gegründet worden war. Schon sein Name – Ballspiel- und Eislauf-Verein – verdeutlicht eine ungewöhnliche Liaison. Wintersport stand an der im Winter häufig zufrierenden Ostsee eben hoch im Kurs. Der BuEV sicherte sich 1912 mit einem überraschenden 3:2 gegen den VfB Königsberg erstmals die baltische Meisterschaft. Ansonsten stand man im Schatten der Königsberger Vereine VfB und Prussia-Samland, gegen die man zwischen 1908 und 1913 im baltischen Endspiel alljährlich das Nachsehen hatte. Nach dem Ersten Weltkrieg geriet Danzig durch den Korridor in eine periphere Lage, die im Fußball eine zunehmende Rückständigkeit nach sich zog. Während der Pionierklub BuEV lediglich 1920, 1926 und 1932 die baltische Endrunde erreichte, setzte sich mit dem 1920 gegründeten SV Schutzpolizei ein neuer Hoffnungsträger an die lokale Spitze.

Der Durchbruch blieb jedoch auch den Schutzmännern verwehrt, die in vier baltischen Endrundenteilnahmen gegen die Königsberger Konkurrenz chancenlos waren. Auch in der Gauliga Ostpreußen standen ab 1933 sowohl BuEV als auch SV Schutzpolizei (nun als Polizei SV, später SG OrPo) im Schatten der Konkurrenz aus Königsberg und Insterburg. Zur neuen Führungskraft entwickelte sich der SC Preußen, der sich 1934 und 1941 sogar für die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft qualifizierte. Mit Paul Mathies stellten die Schwarz-Weißen vom Bischofsberg auch Danzigs einzigen Nationalspieler.

Titania Stettin im Halbfinale

Stettin: Stettins Pionierklub war der 1901 gegründete SC Preußen, der zunächst jedoch nicht über eine Mitläuferrolle hinauskam und sich lediglich 1928 für die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft qualifizierte. Stattdessen vertrat der ein Jahr später gegründete FC Titania Stettin die Stadt bereits 1914 erstmals in der baltischen Endrunde und sorgte 1920 auch für den herausragenden Erfolg der Stettiner Fußballgeschichte, als man sich auf Baltenebene erstmals gegen den VfB Königsberg durchsetzte (2:1) und in der anschließenden Endrunde um die Deutsche Meisterschaft einen 2:1-Sieg im Viertelfinale über Nordmeister Arminia Hannover feierte. Es war der erste Erfolg einer pommerschen Mannschaft auf Reichsebene. Im Halbfinale stoppte der 1. FC Nürnberg den Siegeszug der Blau-Schwarzen mit einem souveränen 3:0. 1925 und 1927 erreichte Titania zwei weitere Male die Endrunde um die „Deutsche“, ehe man 1929 Pech hatte, als im Achtelfinale gegen Tennis Borussia Georg Freitag und Jähnke einen 0:2-Pausenrückstand gegen Tennis Borussia zwar egalisierten, die Veilchen jedoch in der Verlängerung als glücklicher 3:2-Sieger ins Viertelfinale einzogen.

1930 kam das abrupte Aus für den Verein, der wenige Wochen nach seiner letzten Endrundenteilnahme (2:4 gegen 1. FC Köln-Vorläufer Sülz 07) wegen Überschuldung Insolvenz anmelden musste und aus dem Vereinsregister gestrichen wurde. Die meisten Spieler wechselten daraufhin zum VfL Pommern, der 1924 aus der Fußballabteilung des Stettiner TV entstanden war und dank der Titania-Neuzugänge 1933 in die Gauliga aufgenommen wurde. 1940 erreichten die Blau-Weißen als Gaumeister zum einzigen Mal die Deutsche Meisterschaftsendrunde, in der sie jedoch gegen Union Oberschöneweide und den VfB Königsberg chancenlos waren.

Stettiner SC 5:6 gegen Frankfurt

Neben Titania dominierte der aus dem Jahr 1908 stammende Stettiner SC den Fußball in der Hafenstadt. Das Team mit dem Stettiner Greifenkopf im Wappen erreichte 1921 erstmals die Endrunde um die „Deutsche“ und hatte dort beim 1:2 gegen den späteren Finalisten BFC Vorwärts 90 Pech. 1926 überrollte Holstein Kiel beim 2:8 die Blau-Roten, ehe der SSC um Kapitän Petereit nach dem konkursbedingten Aus des FC Titania zur lokal dominierenden Mannschaft avancierte und 1935 sowie 1938 erneut die Endrunden um die „Deutsche“ erreichte. 1938 gelangen den Blau-Roten dort sogar zwei Siege über Yorck Boyen Insterburg sowie ein spektakuläres 5:6 gegen Eintracht Frankfurt. Weitere erfolgreiche Teams der Stadt, die eine mehr als 700 Jahre währende deutsche Geschichte besitzt und heute als Szczecin zu Polen gehört, waren der VfB Stettin sowie der Polizei SV.

Zwei gute Klubs in einer Stadt

Stolp: Stolp ist eine Mittelstadt in Hinterpommern, knapp 20 Kilometer von der Ostseeküste entfernt, die einst bekannt war für ihre Möbel- und Bernsteinindustrie. Im Fußball fiel man ein wenig zwischen die Stühle, denn die Wege in die regionalen Hochburgen Stettin und Königsberg waren weit und beschwerlich. Erst mit Gründung des Baltischen Rasen- und Wintersportverbandes erwachte auch in Stolp das Fußballfieber, und mit dem ins Jahr 1903 zurückreichenden SV Germania sowie der 1909 gegründeten Viktoria erhielt die Stadt zwei Klubs, die zu den prominentesten in Pommern aufstiegen.

Initiator des Fußballs in Stolp war im Übrigen der frühere Herthaner Benno Müller, der 1903 die Initialzündung zur Gründung des Germania-Vorläufers FV Stolp gab. Erfolgreicher als Germania agierte allerdings der schwarz-weiße Stadtrivale SV Viktoria, der 1909 vom früheren Germania-Mitglied Kurt Pegenau ins Leben gerufen worden war. Als Stolp in den 1920er Jahren eine gewisse wirtschaftliche Blüte erfuhr und zahlreiche Arbeitskräfte in die Stadt strömten, stieg der in der ehemaligen Radrennbahn Elysium ansässige Klub zur führenden Größe in Pommern auf. Elfmal ging der Titel des Ostpommernmeisters bis 1942 an die Elf um Torjäger Paul Garz. 1932 erstmals für die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft qualifiziert (0:3 gegen Tennis Borussia), feierte man 1934 seinen und zugleich Stolps ersten großen Erfolg, als es der Viktoria gelang, die Vorherrschaft der Stettiner Vereine mit einem 1:1 und 2:0 im Pommern-Endspiel gegen den Stettiner SC zu durchbrechen.

Fanatische Fans in Stolp

Die Fans in der 47.000-Einwohnerstadt galten seinerzeit als besonders enthusiastisch bis fanatisch. Auf Reichsebene war man mit seinem Latein jedoch rasch am Ende, und bei fünf Endrundenteilnahmen gab es nur wenig zu ernten. 1934 verlor man allerdings in der Endrunde zweimal höchst unglücklich gegen den Berliner Meister Viktoria 89 (2:3 und 2:4). Größter Erfolg war das 1:0 gegen den legendären Eimsbütteler TV 1936. „6000 auf dem Germania-Platz in Stolp erschienene Zuschauer trugen ihre tapfere Elf jubelnd von der Kampfbahn“, schrieb die „Fußball-Woche“ am 20. April 1936. Eine Woche später reisten die Pommern zum Spiel bei Vorwärts-Rasensport Gleiwitz übrigens per Linienflug mit einer Junkers Ju 52 (Spitzname: „Tante Ju“) von Berlin aus an. Als 1937 Leistungsträger Karl Lewand den Verein verließ, neigte sich die Ära der Stolper Viktoria abrupt ihrem Ende zu. Mit Hannes Kirk brachte man jedoch noch einen Verteidiger hervor, der 1954 mit Hannover 96 Deutscher Meister werden sollte.

Endrunden-Teilnahmen Stettiner, pommerscher und Danziger Vereine um die Deutsche Meisterschaft

1912: BuEV Danzig – Viktoria 89 Berlin 0:7 (Viertelfinale).
1920: Titania Stettin – Arminia Hannover 2:1 n.V. (Viertelfinale in Kiel), 1. FC Nürnberg – Titania Stettin 3:0 (Halbfinale in Berlin, Preussen-Platz).
1921: Stettiner SC – Vorwärts 90 Berlin 1:2 (Viertelfinale).
1922: Hamburger SV – Titania Stettin 5:0 (Viertelfinale).
1925: Titania Stettin – Altona 93 2:4 (Achtelfinale).
1926: Holstein Kiel – Stettiner SC 8:2 (Achtelfinale).
1927: Holstein Kiel – Titania Stettin 9:1 (Achtelfinale).
1928: Preußen Stettin – Holstein Kiel 1:4 (Achtelfinale).
1929: Tennis Borussia – Titania Stettin 3:2 n.V. (Achtelfinale).
1930: Titania Stettin – SpVgg Köln-Sülz 07 2:4 (Achtelfinale).
1932: Tennis Borussia – Viktoria Stolp 3:0 (Achtelfinale).
1934: Viktoria 89 Berlin – Viktoria Stolp 4:2 und 3:2, Viktoria 89 Berlin – Preußen Danzig 5:2 und 3:0, Beuthen 09 – Viktoria Stolp 1:1 und 2:1, Beuthen 09 – Preußen Danzig 2:1 und 4:1, Viktoria Stolp – Preußen Danzig 3:1 und 1:1 (alles Gruppenspiele).
1935: Schalke 04 – Stettiner SC 9:1 und 6:0, Eimsbütteler TV – Stettiner SC 3:1 und 2:2, Hannover 96 – Stettiner SC 5:0 und 4:1 (alles Gruppenspiele).
1936: Vorwärts-Rasensport Gleiwitz – Viktoria Stolp 5:0 und 3:1, Werder Bremen – Viktoria Stolp 6:0 und 4:1, Eimsbütteler TV – Viktoria Stolp 2:1 und 0:1 (Torschütze für Viktoria Paul Garz; alles Gruppenspiele).
1937: Schalke 04 – Viktoria Stolp 12:0 und 8:0, Werder Bremen – Viktoria Stolp 5:0 und 4:0, Hertha BSC – Viktoria Stolp 4:0 (auf dem Germania-Platz) und 3:1 (an der „Plumpe“; alles Gruppenspiele).
1938: Hamburger SV – Stettiner SC 2:0 und 3:1, Eintracht Frankfurt – Stettiner SC 5:0 und 6:5, Stettiner SC – Yorck Boyen Insterburg 1:0 und 5:2 (alles Gruppenspiele).
1939: Fortuna Düsseldorf – Viktoria Stolp 1:0 und 0:1, SpVgg Köln-Sülz 07 – Viktoria Stolp 5:0 und 2:0 (alles Gruppenspiele).
1940: Union Oberschöneweide – VfL Stettin 3:1 und 3:1, VfB Königsberg – VfL Stettin 5:2 und 2:1 (alles Gruppenspiele).
1941: Vorwärts-Rasensport Gleiwitz – LSV Stettin 3:1 und 2:3, VR Gleiwitz – Preußen Danzig 4:1 und 0:0, LSV Stettin – Preußen Danzig 1:1 und 3:3 (alles Gruppenspiele).
1944: LSV Danzig – Hertha BSC 0:0 n.V. und 1:7.

Meistertitel des Stettiner FC Titania – Baltenverband (2)

1920, 1927.

Meistertitel des Stettiner SC – Pommern (3)

1933, 1935, 1938.

Meistertitel des SV Viktoria Stolp – Pommern (5)

1932, 1934, 1936, 1937, 1939.

Nationalspieler

Paul Mathies (Preußen Danzig, zwei Länderspiele – 1935 in Stettin gegen Estland/5:0 und in Königsberg gegen Lettland/3:0).

Von Hardy Grüne

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Hinweis

Auszug aus einer 2014 erscheinenden Publikation über den deutschen Fußball in Ostpreußen, Pommern, Schlesien und Sudetenland. Weitere Infos: unter www.hardy-gruene.de

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