26.07.2014

Als Schiebock am großen Rad drehte

Einst klopfte Bischofswerda an die Tür zur 2. Bundesliga – Jetzt pflegen die Oberlausitzer nur noch ihre Tradition

Es grenzt auch Jahrzehnte später noch an ein Wunder, was Mitte der 1980er Jahre in Bischofswerda passiert. Der kleine Marktflecken in der Oberlausitz mit seinen damals 13.000 Einwohnern, in der Umgebung eher kummervoll Schiebock (nach einem einrädrigen, einer Schubkarre ähnlichen Gefährt, wahrscheinlicher aber nach dem alten slawischen Ortsnamen Pribok) geheißen, macht sich auf, seine Nase in die große Fußball-Welt zu stecken.

Fortschritt, der Vorläufer des heutigen Bischofswerdaer FV, katapultiert sich in die DDR-Oberliga und betritt absolutes Neuland. Wie dieser Aufstieg und das Abenteuer, sich mit den Großen zu messen, zu werten sind, macht folgender Umstand erst recht deutlich: Aus dem 22-köpfigen Spielerkader verfügen zu Saisonbeginn 1986/87 lediglich Schlussmann Jörg Klimpel (21 Spiele) und Verteidiger Karsten Petersohn (40) über Erstligaerfahrung.

Der richtige Hammer aber kommt ein knappes Jahr später und Schiebock dreht für einen Moment am ganz großen Rad. Am 2. Mai 1987 kreuzt Dauer-Meister BFC Dynamo in der Oberlausitz auf. 10.000 Besucher bedeuten Rekord für das damalige Stadion der Jugend. Längst sind die Berliner, die mit Bodo Rudwaleit und Frank Rohde, Rainer Ernst und Hendrik Herzog, Thomas Doll, Christian Backs und natürlich Andreas Thom länderspielreif besetzt sind und die Tabelle fünf Spieltage vor Saisonende deutlich anführen, wieder auf Titelkurs.

Fortschritt hingegen sieht als Tabellen-Schlusslicht dem sofortigen Abstieg entgegen. Und doch passiert das Unwahrscheinliche. Schiebock, dieses unscheinbare Örtchen, legt den großen BFC Dynamo aber auch so was von aufs Kreuz, dass sich die übrigen Erstligisten zwischen Aue und Magdeburg verblüfft die Augen reiben – und zumindest hinter vorgehaltener Hand ihre Häme zeigen.

Sensationssieg gegen Meister BFC

2:0 steht es am Ende für den krassen Außenseiter. Eine der größten Überraschungen nicht nur jener Saison '86/87 ist perfekt. Dieser Ausgang hat den Charme eines Schelmenstreiches, wie ihn sonst nur der brave Soldat Schwejk auf Lager hatte. In der Rolle des braven Schwejk sieht sich an jenem Tag Tino Gottlöber, mit 1,69 m Größe und erst recht von den Meriten her eher einer, den der Gegner nicht einmal ansatzweise auf dem Zettel hat. Und doch legt dieser kleine Mittelfeldspieler mit seinem Tor zum 1:0 schon in der 4. Minute (das 2:0 kommt noch vor der Pause auf das Konto von Petersohn) den Grundstein für die Sensation. „Mein frühes Tor möbelte uns alle unheimlich auf“, sagt Gottlöber, „danach war der Respekt vor dem BFC wie weggeblasen.“ Eleganter hätte nicht einmal David den übermächtigen Goliath wegschleudern können.

Es ist der Moment, in dem die Oberlausitz Fortschritt zu Füßen liegt, auch wenn es schnell wieder zur Tagesordnung übergeht. Wie selbstverständlich werden die Berliner danach doch wieder Meister, wie selbstverständlich steigen die Schiebocker ab. Doch einer ist immer noch da und nie und nimmer wegzukriegen aus seiner Heimat: Tino Gottlöber. Nachwuchsleiter ist er beim Bischofswerdaer FV 08 und damit weiterhin eine der Säulen des Vereins. Längst hat auch er sich daran gewöhnt, kleinere Brötchen zu backen. Dennoch sagt er nur Gutes über sein sportliches Zuhause: „Wir sind ein kleiner Verein mit großer Tradition und einem guten Umfeld. Aber wir leben auch etwas von unserer Vergangenheit.“

Noch einmal in der Oberliga

Die spült Fortschritt 1989 noch einmal in die Erstklassigkeit. Als jedoch nach 26 Spieltagen die Punkte addiert werden, langt es wieder nur zum letzten Rang, wieder ist der Abstieg nicht zu verhindern. Noch gravierender: Als 1991 die Plätze in der Bundesliga vergeben werden, ist Schiebock nicht unter den Bewerbern. Wie aber ist das Rätsel zu erklären, dass ein unscheinbarer Ort sich dennoch derart behaupten kann? Es gibt zwei gute Gründe dafür. Zum einen haben sie das Landmaschinenkombinat im Rücken, das Mähdrescher für den Weltmarkt (damalige Jahresproduktion 1,3 Milliarden DDR-Mark, 6900 Beschäftigte) herstellt und aus dem das nötige Kleingeld für den Sport fließt. Das lockt neben talentierten Jugendlichen auch Spieler an, die es vor allem beim großen Nachbarn Dynamo Dresden nicht oder nicht mehr in die erste Elf schaffen.

Viele Jahre darf sich Fortschritt als „Farmteam“ der Schwarz-Gelben wähnen, auch wenn es diese Konstellation offiziell nicht gibt. Profitiert haben die Schiebocker von der exzellenten Ausbildung an der Dresdner Kinder- und Jugendsportschule aber doch.

Dreier-Runde mit Union und TeBe

All das bricht mit der deutschen Einheit weg. Trotzdem kommen die Oberlausitzer noch einmal zurück, wenn auch ein bisschen durch die Hintertür. Weil Chemie Leipzig in der NOFV-Oberliga Süd finanziell am Tropf hängt und keine Lizenz für die Aufstiegsspiele zur 2. Bundesliga erhält, klopft Schiebock 1993 an die Tür zum bezahlten Fußball. Gemeinsam mit Tennis Borussia und dem 1. FC Union spielen sie einen Aufsteiger aus und sind kurzzeitig sogar für Union der Schlüssel zum Glück, weil sie beim 1:0 über TeBe ihre einzigen Punkte holen und damit den Eisernen zum kurz geglaubten Aufstieg verhelfen – von der gefälschten Bankbürgschaft der Köpenicker ahnen sie in der Oberlausitz nicht einmal im Ansatz etwas.

Nach wenigen Spielzeiten in der Regionalliga und in der Oberliga verschwindet Bischofswerda 2001 in den Niederungen des Landes Sachsen, steigt zweimal in die Bezirksliga ab und zweimal wieder auf. Inzwischen träumt der Landesligist, dessen Tendenz leicht nach oben zeigt, wieder von besseren Zeiten. In den zurückliegenden Jahren ging es in der Tabelle jeweils einen Platz nach oben, jüngst wurden die Schiebocker Siebter. „Es könnte schon noch besser werden“, sagt Gottlöber, auch wenn die unmittelbare Nachbarschaft von Budissa Bautzen eine starke Konkurrenz ist. Er baut neben der Tradition auch auf ehemalige Mitspieler, die mit ihm am Erfolg werkeln. Auch wird das Verhältnis zu Dynamo Dresden wieder offener. Erik Schmidt, seit 2013 Trainer der 1. Männermannschaft, kommt von den Schwarz-Gelben.

Auch Frank Lippmann erinnert an die große Zeit und die einst enge Bindung zu Dynamo. Lippmann schrieb insofern ein spektakuläres Kapitel, als er im Europapokal der Pokalsieger im Jahrhundertspiel von Dynamo Dresden bei Bayer Uerdingen (3:7) im Westen blieb, nach der Wende zurückkam und nun beim Bischofswerdaer FV Leiter der Geschäftsstelle ist. Aber das ist dann doch eine andere Geschichte ...

Von Robert Klein

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