10.01.2014

Als Hertha einen Torwart aus Ostpreußen holte…

Paul Gehlhaar, Torhüter der Meisterjahre 1930 und 1931, stammte vom VfB Königsberg, dem ältesten Klub der einst nordöstlichsten deutschen Großstadt

Fernab in der nordöstlichen Peripherie des Deutschen Reiches lag dereinst Königsberg, das heutige Kaliningrad. Die nordöstlichste Großstadt des Reiches kam zu deutschen Zeiten auf bis zu 370.000 Einwohner und war ein vielschichtiges Oberzentrum. Seit 1724 Königliche Haupt- und Residenzstadt, hatte sich die Metropole Ostpreußens sukzessive in eine vergleichsweise offene und liberale Garnisonsstadt entwickelt, die allerdings auch regelmäßig in die politischen Wirren geriet und nach dem Ersten Weltkrieg jenseits des polnischen Korridors lag.

1944 bei britischen Luftangriffen großräumig zerstört und ab 1946 als Kaliningrad sowjetische Enklave zwischen Polen Ostsee, wurde der nicht geflüchtete Rest der deutschen Bevölkerung anschließend vertrieben und durch aus verschiedenen Regionen der Sowjetunion stammende Menschen ersetzt. Der Bruch mit der Tradition Königsbergs war entsprechend groß – auch im Fußball.

Erste Vereinsgründung 1900

Gemeinsam mit Stettin und Danzig war Königsberg das fußballerische Epizentrum im so genannten Baltengebiet. Dabei handelte es sich zum Großteil um einen vergleichsweise dünn besiedelten Raum, der sich aus den vier Gebieten Ostpreußen, Westpreußen, Hinterpommern und Nordposen zusammensetzte. Fußball war 1884 nach Königsberg gekommen, als einige bei der Firma Klehenstüber beschäftigte Engländer und Schotten gegen den Ball getreten hatten. 1897 griffen Schüler örtlicher Gymnasien das Spiel auf, und am 7. Juli 1900 riefen ehemalige Pennäler des Kneiphöfischen Gymnasiums unter Führung eines Herrn Weinberg mit dem FC Königsberg den ersten Fußballverein der Stadt ins Leben.

Größtes Problem war die fehlende Konkurrenz – weit und breit gab es keinen anderen Fußballverein. Erst nachdem 1902 in Insterburg ein Team entstanden war, konnte es am 29. Juni 1902 zum ersten richtigen Fußballwettstreit kommen. Im weiteren Verlauf entstanden auch in Danzig, Stolp, Elbing, Tilsit und anderen Orten der Region Fußballvereine, während in Königsberg mit dem SC Ostpreußen, dem FC Prussia sowie dem Sportzirkel Samland weitere Vereine gebildet wurden.

1907 wurde aus dem FC Königsberg der VfB Königsberg. Wie überall im Reich gingen auch in Königsberg Fußball und die Leichtathletik Hand in Hand, wollte man mit der Umbenennung seine Vielschichtigkeit demonstrieren. Im darauffolgenden Jahr entstand der Baltische Rasen- und Wintersportverband, nach dessen Beitritt zum DFB auch der Baltenmeister erstmals teilnahmeberechtigt an der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft war. Im baltischen Finale fegte der VfB Königsberg daraufhin den BuEV (Ballspiel- und Eislauf-Verein) Danzig gleich mit 11:0 vom Feld und traf am 3. Mai 1908 auf dem heimischen Walter-Simon-Platz auf den Berliner Spitzenklub Viktoria 89, der vor 1200 Zuschauern bereits zur Halbzeit mit 6:0 in Führung lag und am Ende mit 7:0 triumphierte.

Dauergast in der Endrunde

In der Folgezeit war der VfB Königsberg zwar Dauergast in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft, sportliche Chancen hatten die Schwarz-Weißen dort jedoch nicht. Das lag nicht zuletzt daran, dass Königsberg einfach zu weit entfernt von den großen Fußballzentren des Reiches lag und auch der regionale Spielbetrieb aufgrund der weiten Entfernungen und schlechten Verkehrsverhältnisse kaum eine kontinuierliche Leistungssteigerung ermöglichte.

Daran änderte sich auch nach dem Ersten Weltkrieg nicht viel. Im Gegenteil: Durch die im Versailler Vertrag verfügte Abtretung Posen-Westpreußens und die Bildung des polnischen Korridors geriet Königsberg sogar noch mehr ins Abseits. Innerhalb des Baltenverbandes aber dominierte der VfB die Konkurrenz aus Danzig, Stettin und Königsberg nach Belieben und qualifizierte sich bis 1944 rekordverdächtige 15mal für die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft.

Dicht vor der Sensation

Im Laufe der 1920er Jahre entwickelten die Schwarz-Weißen sogar zunehmend Wettbewerbsfähigkeit. 1923 traf man in Stettin auf den Hamburger SV um „Tull“ Harder, der sich mühevoll mit 3:2 durchsetzte. Das Hamburger Siegtor fiel erst in der Schlussminute durch ein unglückliches Eigentor von VfB-Verteidiger Kurt Jürgons. Ein erster Achtungserfolg für die Ostpreußen, die zwei Jahre später erneut Pech hatten, als sie vor 3000 Zuschauern gegen Hertha BSC bis drei Minuten vor Schluss mit 2:1 in Führung lagen und dann noch den Ausgleich kassierten. In der Verlängerung sorgte Willi Kirsei für den Berliner Siegestreffer und lange Gesichter beim VfB – so nahe war man noch nie am ersten Endrundensieg gewesen. Herausragender Akteur auf Königsberger Seite war der junge Torsteher Paul Gehlhaar, der die Berliner Stürmer mit seinen flinken Paraden und tollkühnen Flugeinlagen förmlich zur Verzweiflung brachte.

Nachdem die Schwarz-Weißen auch 1926 und 1927 jeweils an der Hertha gescheitert waren, lotsten die Berliner den Königsberger Zerberus in die Reichshauptstadt, wo Gehlhaar das Erbe von Alfred Götze antrat, Nationalspieler wurde und zweimal (1930 und 1931) mit Hertha BSC die Deutsche Meisterschaft errang. Nachfolger Püschel im VfB-Tor konnte unterdessen am 8. Juli 1928 endlich den langersehnten ersten Endrundensieg mit seinem VfB Königsberg feiern, als es vor 5000 Zuschauern in Breslau einen 3:2-Sieg über den heimischen BSC 08 gab. Die VfB-Elf hatte dabei in der zweiten Halbzeit einen frühen 0:2-Rückstand umgedreht. Im Viertelfinale trafen die Schwarz-Weißen im eigenen, 1921 eröffneten Stadion im Stadtteil Maraunenhof auf den designierten Deutschen Meister Hamburger SV, der sich bei seinem 4:0-Sieg ebenso effektiv wie gnadenlos präsentierte.

Im Schatten der Provinzklubs

Damit war die erste Blütephase des VfB beendet. Diverse Leistungsträger hörten auf, und 1932 verpassten die Schwarz-Weißen erstmals seit zehn Jahren wieder die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft. Ausgerechnet Provinzklub Viktoria Stolp hatte im letzten Qualifikationsspiel mit 1:0 die Nase vorn. Nach Einführung der Gauliga Ostpreußen – aus verkehrstechnischen Gründen in zwei Staffeln geteilt – geriet der VfB Königsberg zunächst in den Schatten der Soldatenmannschaften von Hindenburg Allenstein und Yorck Boyen Insterburg.

Erfolg gegen die Eisernen

Erst als jene mit Beginn des Zweiten Weltkriegs erhebliche Einschnitte erfuhren, kehrte der VfB 1939/40 zurück auf den Meisterthron Ostpreußens. Und hatte Pech, denn im Ringen um einen Platz im Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft unterlag man dem Berliner Meister Union Oberschöneweide nur aufgrund des schlechteren Torverhältnisses. Größter Triumph war der 3:1-Sieg im direkten Aufeinandertreffen mit den „Eisernen“, dem 8000 Zuschauer in Königsberg beiwohnten und bei dem der VfB einen 0:1-Halbzeitrückstand aufholte. Im Falle eines Erfolges wären die Königsberger auf Rapid Wien getroffen.

Bis 1944 trat der durch soldatische Gastspieler wie den Schalker Herbert Burdenski und die Berliner Fußballlegende „Hanne“ Berndt verstärkte VfB Königsberg noch vier weitere Male in der Endrunde an, doch kriegsbedingt war der Spielbetrieb bereits erheblich eingeschränkt. So duellierte man sich bald nur noch mit Mannschaften aus der Region sowie dem okkupierten Warteland und Generalgouvernement. 1944 wurde Königsberg bei britischen Bombenangriffen erheblich zerstört und 1945 von sowjetischen Truppen eingenommen. Mit Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung endete das deutsche Fußballerbe der Stadt. Als Kaliningrad kickte man von 1996 bis 1998 unter dem Vereinsnamen „Baltika“ in der höchsten russischen Liga, doch an die große Fußballtradition vermochte man bis heute nicht anzuknüpfen.

Endrunden-Teilnahmen des VfB Königsberg um die Deutsche Meisterschaft

1908: VfB Königsberg – Viktoria 89 Berlin 0:7 (Viertelfinale).
1909: VfB Königsberg – Viktoria 89 1:12 (Viertelfinale).
1923: Hamburger SV – VfB Königsberg 3:2 (Halbfinale, vorher Freilos).
1924: SpVgg Leipzig – VfB Königsberg 6:1 (Viertelfinale).
1925: VfB Königsberg – Hertha BSC 2:3 n.V. (Achtelfinale).
1926: Hertha BSC – VfB Königsberg 4:0 (Achtelfinale).
1927: VfB Königsberg – Hertha BSC 1:2 n.V. (Achtelfinale).
1928: Breslauer SC 08 – VfB Königsberg 2:3 (Achtelfinale), VfB Königsberg – Hamburger SV 0:4 (Viertelfinale).
1929: VfB Königsberg – Breslauer SC 08 1:2 (Achtelfinale).
1930: Dresdner SC – VfB Königsberg 8:1 (Achtelfinale).
1931: VfB Königsberg – Dresdner SC 1:8 (Achtelfinale).
1940: Union Oberschöneweide – VfB Königsberg 6:3 und 1:3, VfB Königsberg – VfL Stettin 5:2 und 2:1 (alles Gruppenspiele).
1941: Hamburger SV – VfB Königsberg 3:1 und 2:1, 1. SV Jena – VfB Königsberg 2:4 und 4:0 (alles Gruppenspiele).
1942: HUS Marienwerder – VfB Königsberg 1:7 (Qualifikation), VfB Königsberg – SG Orpo Litzmannstadt 8:1 (Achtelfinale), Blau-Weiß 90 Berlin – VfB Königsberg 2:1 (Viertelfinale).
1943: VfB Königsberg – SV Neufahrwasser 3:1 (Vorrunde), SG Orpo Warschau – VfB Königsberg 1:5 (Achtelfinale, danach Ausschluss wegen des Einsatzes eines nicht spielberechtigten Spielers).

DFB-Länderspiele in Königsberg

13. Oktober 1935: Deutschland – Lettland 3:0 (Torschützen Kurt Langenbein/VfR Mannheim, August Lenz/Borussia Dortmund und Herbert Panse/Eimsbütteler TV).
29. August 1937 (WM-Qualifikation): Deutschland – Estland 4:1 (Torschützen Ernst Lehner/Schwaben Augsburg und Josef Gauchel/TuS Neuendorf).

Meisterschaften des VfB Königsberg – Baltenverband (11)

1908, 1909, 1921, 1922, 1923, 1924, 1925, 1926, 1928, 1929, 1930. Gau Ostpreußen (4): 1940, 1941, 1942, 1943.

Von Hardy Grüne

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Hinweis

Auszug aus einer 2014 erscheinenden Publikation über den deutschen Fußball in Ostpreußen, Pommern, Schlesien und Sudetenland. Weitere Infos: unter www.hardy-gruene.de

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