01.11.2014

Ackerplatz mit wunderschönem Ambiente

Beim Eisenbahner-Sportverein Lokomotive Potsdam werden die Mitglieder noch von der Deutschen Bahn unterstützt – Pachtfreies Grundstück

Wenn Uwe Reindl von früher spricht, dann funkeln seine Augen. Früher, damit ist jene Epoche gemeint, in der es zwischen Potsdam und West-Berlin noch eine Grenze gab. „Ein bisschen vermisse ich die alten Zeiten schon“, gibt der 75-Jährige zu. Seit 1977 ist Reindl Fußball-Abteilungsleiter des ESV Lokomotive Potsdam. Er ist keineswegs einer jener Genossen, die die DDR-Zeiten glorifizieren. Doch an das Vereinsleben von früher denkt er gerne zurück.

Als der ESV noch BSG hieß und streng genommen gar kein Verein, sondern eine Betriebssportgemeinschaft war. Als ausschließlich Mitarbeiter der Reichsbahnausbesserungswerke (RAW) eine Fußballmannschaft bildeten und die Eisenbahner unter sich waren. „Damals war der Zusammenhalt noch anders. Wir haben alle gemeinsam bei den RAW gearbeitet, abends trainiert und am Wochenende ein Spiel gehabt. Da waren auch unsere Frauen alle dabei“, erzählt Reindl. Montags bei der Arbeit wurde die Partie dann natürlich ausführlich analysiert. Es gab Betriebssportfeste, es wurden gemeinsame Fahrten organisiert, etwa in die damalige Tschechoslowakei oder nach Polen. „Wir waren wie eine große Familie“, sagt Reindl. Rund 1400 Menschen waren zu DDR-Zeiten bei den RAW beschäftigt. Wer von ihnen Fußball spielen wollte, tat dies natürlich bei der BSG Lokomotive Potsdam. So wie Reindl, der 1954 seine Lehre bei den RAW begann, drei Jahre nachdem die Fußballabteilung als Betriebssportgemeinschaft gegründet wurde. „Damals hatten wir in Potsdam einen sehr guten Leumund als Fußballmannschaft“, berichtet Reindl.

Mittlerweile erinnert in erster Linie der Name an die Ursprünge des Klubs. In der aktuellen Mannschaft geht einzig noch Torwart Robert Reißner einer Tätigkeit als Eisenbahner nach. Immerhin sieht es im Gesamtverein noch anders aus. Ein bisschen mehr als die Hälfte aller 1250 Mitglieder war oder ist bei der Bahn beschäftigt. Dies ist auch die Vorgabe der Deutschen Bahn, die für jedes dieser Mitglieder einen Zuschuss von 26 Euro pro Jahr ge-währt. „Mindestens 50 Prozent der Mitglieder müssen Eisenbahner sein, sonst gibt es kein Geld“, sagt Gottfried Seifert, der Technische Leiter des Klubs. „Der Verein finanziert sich damit, ansonsten haben wir kaum Sponsoren.“

Filetgrundstück am Wasser

Aber auch das Sportgelände an der Berliner Straße unweit der Glienicker Brücke darf der ESV pachtfrei für sich nutzen. Und es gibt sicherlich hässlichere Orte als jenen idyllischen Flecken, der den Eisenbahnern einst zur Verfügung gestellt wurde und bis heute die Heimstätte von Lokomotive Potsdam ist. Direkt am Wasser gelegen bietet sich einem vom selbst errichteten Vereinsheim „LOKalität“, das auf einem kleinen Hügel liegt, eine wunderbare Aussicht. Wer einen guten Bumms hat, wie es im Fußballjargon heißt, kann den Ball auch mal vom Rasenplatz bis ins Wasser schießen. Oder in den Garten einer angrenzenden Villa. Die Gegend ist exquisit und sehr gefragt, auch bei Prominenten. Um dieses Anwesen wird der ESV allseits beneidet.

So schön das Ambiente aber auch ist, birgt es manches Problem. So gibt es lediglich einen Platz, auf dem sowohl Trainingseinheiten als auch Spiele sämtlicher Teams stattfinden. Und mittlerweile gehören 14 Mannschaften dem Klub an. Im vergangenen Sommer schloss sich nämlich die „Runde Fußballschule“ dem ESV an – mit zehn Teams von der G- bis zur D-Jugend. „Dadurch wird unser Platz jeden Tag in der Woche zum Training genutzt – und wir haben nicht mal mehr Flutlicht“, stöhnt Reindl. Die Folge: Neben der Tatsache, dass nicht genügend Platz vorhanden ist, präsentiert sich der Rasen mittlerweile in ramponiertem Zustand. „Jede Gastmannschaft, die hier herkommt, fragt: Was, auf dem Acker sollen wir spielen?“, erzählt Reindl.

Früher sei das ganz anders gewesen. „Da waren alle von der tadellosen Beschaffenheit des Spielfeldes begeistert.“ Da ist es wieder, das Schwelgen in der guten, alten Zeit. Durch die Kapazitätsprobleme sträubt sich der Verein auch dagegen, weitere Nachwuchsmannschaften aufzunehmen. Eine A-Jugend, die die „Erste“ Jahr für Jahr füttert, sei zwar erstrebenswert, aber schlichtweg nicht möglich, erklärt Reindl.

Waldlauf mit Stirnlampe

Immerhin kann die erste Mannschaft seit Oktober auf einem Kunstrasen am Luftschiffhafen ihre Übungseinheiten absolvieren. Sogar unter Flutlicht. Früher mussten die Spieler ideenreich sein und sich etwas anderes einfallen lassen. „Ob Sie es glauben oder nicht: Es kam vor, dass die Spieler sich kleine Lampen an die Stirn befestigten und im Winter damit im Wald laufen gingen, da es schon dunkel war.“ Mittlerweile ist regelmäßiges, richtiges Training für die „Erste“ aber unerlässlich geworden. Seit dieser Saison spielt das Team des Trainergespanns Christoph Rogowski und Holger Thoms in der Landesklasse, stieg damit zum vierten Mal in Folge auf. Der Verein erlebt zurzeit also eine erfolgreiche Ära. Die Landesklasse sei aber das Ende der Fahnenstange, meint Reindl. „Mehr geht einfach nicht, auch weil die Kosten dadurch in die Höhe geschnellt und die Fahrten viel länger geworden sind.“

Für Reindl selbst ist das Ende seiner Amtszeit nach nunmehr 37 Jahren ebenfalls absehbar. Er, der lange Zeit das Gesicht der Fußballabteilung war, denkt ans Aufhören. „Ich bin 75 und habe keine Ahnung von Computern, da muss mir immer einer helfen. Es wird Zeit, dass das andere in die Hand nehmen.“ Auch komme er mit den Verhaltensweisen der jungen Leute nicht mehr so gut zurecht. „Früher war da mehr Zucht und Ordnung drin. Heute wird in der Kabine laute Musik gehört, das gab's früher gar nicht.“ Reindl macht keinen Hehl daraus, dass er die alte Disziplin vermisst. Falsch verstanden werden möchte er aber auch nicht. Man habe keine Rowdies bei Lokomotive Potsdam, die Spieler und Zuschauer seien durchweg in Ordnung, betont er. Das Gefühl von früher aber, das sei ein wenig abhandengekommen. Es war eben nicht alles schlecht zu DDR-Zeiten. Zumindest nicht, wenn man bei der damaligen BSG Lokomotive Potsdam Fußball gespielt hat.

„Gepflegtes Kurzpassspiel ist hier nicht möglich“

Holger Thoms hat mit der ersten Mannschaft von Lokomotive Potsdam in der vergangenen Saison den Aufstieg von der Kreisliga in die Landesklasse geschafft, ehe er freiwillig ins zweite Glied rückte. Hauptverantwortlicher Coach ist nun Christoph Rogowski, ein 26-jähriger ambitionierter Sportstudent. Thoms ist aber sein Assistent und erster Ansprechpartner. Als Aufsteiger kämpft der ESV nun naturgemäß erstmal um den Klassenerhalt. Vor einer Woche gab es mit einem 3:3 gegen Spitzenreiter BSC Rathenow ein Erfolgserlebnis. Im Anschluss daran sprach die FuWo mit dem Trainergespann über den sportlichen Ist-Zustand.

FuWo: 3:3 gegen den Tabellenführer – Glückwunsch zu dieser ansprechenden Leistung.

Christoph Rogowski: „Danke. Die Mannschaft hat einen guten Teamgeist gezeigt und sogar gewinnen können, wir haben ja zeitweise geführt. Aber hätte uns vorher jemand gesagt, dass wir unentschieden spielen, hätten wir uns bestimmt nicht beschwert.“

Was ist denn das Saisonziel?

Rogowski: „Wir wollen mit dem Abstieg nichts zu tun haben. Und ich bin optimistisch, dass uns das gelingt. Bislang war kein Gegner dabei, gegen den wir chancenlos waren. Aber es ist auch keine Mannschaft dabei, die man im Vorbeigehen schlägt. In der Landesklasse werden Fehler knallhart bestraft. Wir müssen unser taktisches Verständnis verbessern.“

Warum sind Sie eigentlich ins zweite Glied gerückt, Herr Thoms?

Holger Thoms: „Ich wollte einfach kürzertreten, auch weil der organisatorische Aufwand durch den Aufstieg größer geworden ist. Dass ich jetzt Co-Trainer bin, das passt schon.“

Erschwerend ist für Ihre Mannschaft der Rasenplatz hier auf dem Sportgelände. Der Zustand ist bescheiden, es gibt kein Flutlicht und genügend Platz für alle Teams ist auch nicht vorhanden. Suboptimal, oder?

Rogowski: „Sehr suboptimal sogar. Es geht so definitiv nicht weiter, aber es wird ja bereits nach Lösungen gesucht, dass wir einen Ausweichplatz nutzen können.“

Thoms: „Gepflegtes Kurzpassspiel ist hier zumindest nicht möglich.“ Leidet unter diesen Bedingungen denn die Trainingsbeteiligung?

Rogowski: „Überhaupt nicht. Wir haben immer 15, 16 Mann beim Training. Das ist für die Landesklasse sehr ordentlich. Es stimmt in der Mannschaft, weshalb wir unsere Ziele auch erreichen werden.“

ESV Lokomotive Potsdam

Adresse: Sportgelände an der Berliner Str. 67, 14467 Potsdam, Telefon: 0331/29 21 76, Fax: 0331/237 02 77. Homepage: www.lok-potsdam.de
Gegründet: 1951 als BSG Lokomotive Potsdam, nach der Wende Umbenennung in ESV Lokomotive Potsdam.
Mitglieder und Sportarten im Verein: 1250 bei insgesamt 13 Sportarten (rund 230 Mitglieder in der Fußballabteilung).
Mannschaften: 14 (2 Männer-, eine Ü 40-, eine Freizeit- und 10 Jugendmannschaften).
Spielklasse der 1. Mannschaft: Landesklasse.
Größte Erfolge: Staffelsieger/Stadtmeister Potsdam in den Jahren 1972, 73, 74, 75, 76, 78, 79, 90; Meister der Kreisliga Havelland-Mitte und Aufstieg in die Landesklasse 2014.

Von Andreas Krühler

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