14.01.2018

Zeitenwende

In dieser Woche vor 20 Jahren

Torschützenkönig: Faruk Namdar. Foto: JouLux

Die Fans von Hertha BSC lehnen die neue Umgebung ab. „Wir wollen alle die Deutschlandhalle“, skandieren sie. Und der Versuch des Veranstalters, die Sprechchöre über Hallenlautsprecher mit Musik zu übertönen, misslingt. 10. Januar 1998: Zum ersten Mal ist die 13 Monate zuvor in Anwesenheit ihres Namensgebers eröffnete Max-Schmeling-Halle in Prenzlauer Berg Schauplatz des Berliner Budenzaubers. Die Deutschlandhalle, seit 1971 beliebter Veranstaltungsort der großen internationalen Hallenturniere, hat zum 31. Dezember 1997 ihre Pforten geschlossen.

Das Hallenfußball-Publikum bereitete ihr im Januar 1997 einen glanzvollen Abschied. Insgesamt 25.100 Zuschauer wurden an den drei Tagen des 26. Internationalen Berliner Hallenturniers gezählt. Nun ist die Deutschlandhalle zum Abriss vorgesehen (der sich dann aber doch noch bis 2011 hinauszögern wird).


Zeitenwende in Berlin: 1998 zieht der Budenzauber von der legendä­ren, altehrwürdigen Halle in Eichkamp, einer West-Berliner Institution in den Jahren der Teilung, ins Zentrum der wieder zusammenwachsenden Stadt. In der modernen Max-Schmeling-Halle, am Schnittpunkt zwischen Ex-Ost (Prenzlauer Berg) und Ex-West (Wedding), steigt das fünfte und letzte Qualifikationsturnier für das Hallenmasters des DFB, das jetzt DFB-Hallenpokal heißt.
Die Serie ist abgespeckt und überschaubarer geworden. Statt dem heillosen Wirrwarr aus unzähligen Masters- und Nicht-Masters-­Turnieren sowie unterschiedlichen Wertigkeiten der einzelnen Turniere (z.B. Schwerin 24, Essen 25, Stuttgart 27) ist nun alles ganz einfach: Die beiden Erstplatzierten der fünf Veranstaltungen in Leipzig, Dortmund, Stuttgart, Oberhausen und Berlin spielen gemeinsam mit Titelverteidiger 1. FC Kaiserslautern und dem amtierenden Deutschen Meister FC Bayern am 17. und 18. Januar 1998 in München den Hallentitel aus. Die vier im Wettbewerb befindlichen Amateur-Vereine Sachsen Leipzig, SSV Reutlingen, Rot-Weiß Oberhausen und Tennis Borussia können sich für das Finale allerdings nur als Turniersieger qualifizieren.

TeBe, souveräner Spitzenreiter der Regionalliga Nordost und am Saison­ende als Deutscher Amateurmeister vierter Aufsteiger in die 2. Bundesliga, schafft es in der Max-Schmeling-Halle bis ins Halbfinale, das gegen Carl Zeiss Jena nach dem 1:0 von Mike Lünsmann mit 1:5 verloren wird. Zuvor haben sich die Veilchen in den Gruppenspielen gegen Bayern München (7:3) und den 1. FC Nürnberg (4:2) gehörig Respekt verschafft. Punktgleich mit dem späteren Turniersieger Hansa Rostock, der in Sergej Barbarez den herausragenden Spieler des Turniers in seinen Reihen hat, zieht TeBe als Gruppenerster in das Halbfinale ein. In der Gruppe B steht Hertha BSC ganz oben, ist aber anschließend dem FC Hansa ebenso nicht gewachsen (2:4) wie TeBe den Mecklenburgern in der Gruppenphase (4:6). Das Stadtderby um Platz drei entscheidet der Regionalligist nach 1:4-Rückstand und 4:4-Endstand im Elfmeterschießen für sich.

TeBe kann zufrieden sein, stellt mit Faruk Namdar auch den Torschützenkönig. „Keiner wollte, daß wir zum Finale nach München fahren – da hätten wir den hohen Herren vom DFB gerne einen Streich gespielt“, sagt Trainer Hermann Gerland und nimmt die Anfeindungen aus dem Publikum mit Gelassenheit: „Wir sind hier nicht sehr herzlich empfangen worden, aber das sind wir ja gewohnt. Damit müssen und können wir leben.“
Hertha BSC bleibt durch das verpasste Finale die Unterbrechung des am 14. Januar beginnenden Trainingslagers in Portugal erspart, wäre aber nicht zuletzt aus Prestigegründen gern in München dabei gewesen. Zur neuen Halle sagt Trainer Jürgen Röber ohne Wehmut: „Das Thema ist doch durch. Ich habe auch zig schöne Turniere in der Deutschlandhalle gespielt, aber jetzt spielen wir eben in der Max-Schmeling-Halle, und hier ist es auch nicht schlecht.“
Premierenpanne: Vierhundert der jeweils 6400 Zuschauer können in der an beiden Tagen ausverkauften Halle trotz der 31 Mark, die sie bezahlt haben, das vor ihnen liegende Tor nicht sehen. Und zu den Musikeinspielungen während der Partien schreibt der frühere Chefredakteur Rudi Rosenzweig in der FuWo: „Die Fans machen schon genug Krach, da genügt ein Tusch nach den Toren. Wir sind doch nicht auf einem Musikdampfer.“

Von Horst Bläsig

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