18.11.2017

90 Minuten Normalität

In dieser Woche vor 75 Jahren

Die Mannschaft des TSV 1860 München reiste über Nacht nach Berlin. Im Schlafwagen ging es zum Anhalter Bahnhof. Erst kurz vor Abfahrt war klar, dass die Soldaten Ernst Willimowski und Heinz Krückeberg mitfahren. So ist es im Buch „60 Jahre Vereinspokal“ zu lesen. Beim Gegner FC Schalke 04 konnte Walter Berg im Pokalfinale spielen, er hatte Fronturlaub. Das war Ende 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg.

Die Nationalsozialisten hielten den Fußball-Spielbetrieb in Deutschland solange wie möglich aufrecht. Noch 1944 gab es einen Meister. „Im Innern wurde der Fußball als ein Mittel der Zerstreuung eingesetzt, das die Bevölkerung vom Krieg ablenken, für Höhepunkte im Alltag sorgen und den Eindruck von Normalität vermitteln sollte“, schreibt Historiker Nils Havemann in der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ über Fußball im Dritten Reich.


Beim Endspiel am 15. November 1942, zwei Monate bevor die Alliierten wieder Luftangriffe auf Berlin flogen, waren nach verschiedenen Quellen 75.000 bis 90.000 Zuschauer im Olympiastadion. Große Teile des Publikums trugen feldgraue Uniform, außerdem waren viele Soldaten aus Lazaretten im Stadion. In der Fußball-Woche finden sich nur wenige Sätze über die besonderen Umstände dieses Spiels. Zu Willimowski von 1860 heißt es: „Der Oberschlesier, der marschbereit als Panzerschütze steht“.

Gespielt wurde um den Vorläufer des DFB-Pokals, den Tschammerpokal. Benannt nach Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten. Im Jahr 1942 spielten Teams in den acht Gaugruppen – darunter Ostpreußen/Pommern/Danzig-Westpreußen/Wartheland oder Mitte/Bayern/Donau-Alpenland – gegenein­ander. Danach gab es zwei Schlussrunden und dann das Achtelfinale. Aus Berlin kam Blau-Weiß 90 ins Viertelfinale, verlor 1:4 beim schlesischen Verein TuS Lipine. Mit acht Toren im Wettbewerb war Gerhard Graf von Blau-Weiß gemeinsam mit Ludwig Janda (1860 München) zweitbester Torschütze hinter Willimowski (14 Treffer). In Kattowitz geboren, spielte Willimowski zunächst für Polen und traf 1934 gegen Deutschland. Bei der WM 1938 unterlag Polen im Achtelfinale trotz vier Willimowski-Toren 5:6 n.V. gegen Brasilien. Ab 1941 spielte der „Volksdeutsche“ für das DFB-Team (13 Tore in acht Spielen).

Beim ersten Tschammerpokal 1935 hatten 4000 Mannschaften teilgenommen, während des Krieges wurden es immer weniger. Viele unterklassige Vereine mussten zurückziehen, weil ihre Spieler zum Kriegsdienst eingezogen worden waren. Der sechsmalige Meister Schalke war Dauergast im Olympiastadion, wo auch die Finals um die deutsche Meisterschaft stattfanden. Seit 1937 war man immer im Meisterschaftsfinale gewesen, hatte viermal gewonnen. Im Pokal war es das fünfte Endspiel mit königsblauer Beteiligung, drei waren zuvor verloren gegangen. „Schalke im Endspiel, das ist nichts Neues mehr. Es soll sogar Snobbs unter uns geben, die das schon langweilt. Wir für unseren Teil können uns immer wieder aufs Neue an der geschmeidigen Kunstfertigkeit des Schalker Spiels begeistern – vorausgesetzt, daß es läuft“, schrieb die FuWo im Vorfeld.

Letzteres sollte das Problem werden. Die Mannschaft um Ernst Kuzorra (schon 37 Jahre alt) und Fritz Szepan (35) brachte ihr attraktives Kurzpassspiel nicht in Gang, der Schalker Kreisel blieb wirkungslos. „Das war ein einziges sinnloses Ballgeschiebe auf engstem Raum, das den Absichten des scharf an den Mann gehenden Gegners wunderbar entgegenkam. Gedacht, den Gegner zu verwirren, brachte der Kreisel diesmal Verwirrung in die eigenen Reihen“, so die FuWo. Wenn es eine Chance gab, war Löwen-Torwart Hans Keis zur Stelle. Mitte der ersten Halbzeit hielt er zweimal hintereinander gegen Szepan. „In diesen Augenblicken hatte der Tormann 1860 wahrscheinlich den Pokal gerettet.“ Bis sich der Außenseiter diesen sicherte, dauerte es: 1:0 Willimowski (79. Minute), 2:0 Engelbert Schmidhuber (88.). Es war das letzte Pokalfinale im Olympiastadion für über vier Jahrzehnte. Bis 1985. 

Von Sebastian Schlichting

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